Was treiben Sie gerade?
Schreib gerade an ein paar neuen Songs rum. Einer davon ist sensationell, glaub ich. Eine Art rückblickende coming-of-age-Geschichte, die eine entfernte formale Ähnlichkeit mit Dylans “Tangled Up In Blue” hat, für mich sowieso einer der besten Songs ever. Und das kombiniert mit einem Gitarren-Riff, der vage an bretonische Musik erinnert und den ich schon seit Jahren immer mal wieder vor mich hinspiele, und plötzlich passt alles zusammen. Selten, sowas. – Dann gibt’s einen weiteren namens “Je weniger du weißt, desto besser geht’s dir”, den Dota so gut fand, dass sie da mitgesungen hat. Wird eine Art Duett werden. – Und noch ein weiterer ist eine Art versteckte Hommage an W.C. Fields, den großen amerikanischen Komiker (und Säufer) der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, der u.a. mit dem Spruch “Ein Mann, der Kinder und kleine Hunde hasst, kann nicht ganz schlecht sein” für sich selber Werbung machte. Salinger bewunderte ihn. Und ich glaube, ich hab was hingekriegt, das Fields Geist ziemlich nahe kommt. Eine sehr spezielle Art, herumzublödeln. Kann ja manchmal auch ganz gesund sein sein. –
Und eigentlich fehlen mir nur noch zwei oder drei weitere Songs für ein neues Album, und sobald ich die hab, geh ich ins Studio.
Sie werden im August 70 Jahre jung. Ein Leben als Musiker. Was denken und fühlen Sie, wenn Sie auf Ihre Rente schauen?
Seit kurzem hab ich – auch dank der Gema – keine finanziellen Probleme mehr, falls Sie das meinen. Aber bei einem “Leben als Musiker” geht’s ja eher darum, ob man wirklich gemacht hat, was man machen wollte, oder wofür der Name eigentlich steht. Und meiner hat, wenn mich nicht alles täuscht, bei einigen sehr hochkarätigen Leuten durchaus einen ganz passablen Klang. Meine mir eigentlich liebste Art von Rückenwind.
Oder anders gefragt: Würden Sie heute rückblickend etwas anders machen (können)?
Ja, vielleicht hätte ich weiter Musik studieren sollen damals in Köln, und vielleicht hatte meine Mutter in dem Punkt Recht. Ich hatte die ziemlich schwierige Aufnahmeprüfung dort geschafft und hätte vielleicht auch aus diesem Umfeld heraus agieren können. Hätte mir ganz sicher einiges erspart. Aber ich hätte auch ganz sicher nicht die Songs schreiben können, die ich eben geschrieben hab.
Würden Sie sich wünschen, dass all die teils prominenten Künstler , denen Sie Texte auf den Leib geschrieben haben, einmal laut aufstehen und Ihren Namen skandieren?
Tun sie doch teils sowieso schon. Aber die Wirkung wird da bei weitem überschätzt. Und übrigens waren viele Stücke gar nicht anderen “auf den Leib geschrieben”, sondern meine Alben waren immer auch eine nette Fundgrube für eben auch bekanntere Leute.
Was sehen Sie denn aktuell für eine Musik-Szene im werten Vaterlande? Was hat sich die letzten Jahre verändert? Was ist gut, was muss besser werden, was ist zum verzweifelnden Haare-Raufen?
Dieses Bumbumm aus tiefergelegten Dumpfbacken-Karossen kann schon ziemlich nerven, und wenn man Pech hat, brüllt dazu noch jemand, was er alles mit meiner Mutter machen will, falls ich nicht genügend Respekt vor ihm habe, wobei mit “Respekt” natürlich einfach Angst gemeint ist. Böhmermanns “Ich hab Polizei” ist darauf die bisher passendste Antwort. – Dann dieser deutschsprachige Pseudo-Soul, der mir komplett aufgesetzt vorkommt, wofür nicht zuletzt diese Verschwörungswundertüte Naidoo verantwortlich ist, was man bei all den diesbezüglichen Schlagzeilen um ihn herum immer nur allzu leicht wieder vergisst. Überhaupt ganz allgemein diese Mischung aus entweder Larmoyanz oder grundloser Aggressivität, manchmal sogar beides gleichzeitig. Ich bin bei diesem Scheiß nicht so auf dem Laufenden, und mit Sicherheit überseh ich einiges, aber mir reichen da meine alten Heroen, die sich fast alle wunderbar gehalten haben, da hab ich mich nicht getäuscht. Was nicht heißt, dass ich nicht auch neue mitkriege. Billie Eilish z.B. finde ich umwerfend, und auch hierzulande gibt’s immer noch vieles, was mir entgegenkommt. Haarsträubend dagegen die Konditionen, unter denen die armen Musiker heutzutage antreten müssen: Spotify & co. zum Beispiel.
Was sind aktuell Ihre Leib-und Magenthemen, was lässt Sie nicht schlafen?
“Nicht schlafen” ist zwar übertrieben (ich achte da mittlerweile schon ein bisschen auf meine Gesundheit), aber:
Wutgebrüll, Spaltung, Echokammern, Silicon Valley; die immer weiter auseinandergehende Schere zwischen arm und reich weltweit – plus große Teile einer Linken, die genau das aus den Augen verliert und lieber gegen Israels Existenzrecht hetzt, oft in Verbindung mit vorsätzlicher Blindheit gegenüber Terrorstaaten wie Iran oder autokratischen Schlächtern wie Putin, und überhaupt “den Westen” für alles Elend der Welt verantwortlich macht und jederzeit bereit wäre, den gegen etwas wesentlich Schlimmeres einzutauschen. Dagegen dann die Renaissance der Autokraten und Rechtspopulisten mit ihren falschen Versprechen einfacher Lösungen und ihrem “flood the zone with shit”, hierzulande vertreten durch einen Verein, der sich bereits als Opposition vor allem durch Vetternwirtschaft und Korruption auszeichnet und ansonsten keinerlei Konzepte für irgendwelche realen Probleme hat. Und mit sowas bestraft man nicht “die da oben”, sondern vor allem sich selbst. Könnten sie von mir aus tun, aber leider betrifft das ja auch den Rest von uns.
Was ist Glück?
Helle Stille. –
Oder: “Find something you love and let it kill you.” (Kinky Friedman)
Pläne, Ziele, Wünsche?
Och, passt schon.