Ein Interview (zum Album)

Aus: junge Welt – Ausgabe vom 08.04.2016, Seite 12

»Je leiser, desto intensiver«
Gespräch mit Danny Dziuk über seine heute ­erscheinende CD »Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer.«
Interview: Wiglaf Droste

CD von Danny Dziuk: Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer. Buschfunk 2016, 14,95 Euro – auch im jW-Shop erhältlich

Nach beinahe acht Jahren erscheint heute ein neues Album von Danny Dziuk. Das Warten hat sich gelohnt: »Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer.« vereinigt exakt ein Dutzend Lieder, wie sie hierzulande nur Danny Dziuk schreiben kann. Ob er solitüde Stimmungen beschreibt, einer Frau oder dem Leben als solchem seine Liebe erklärt oder sich dezidiert ins Getümmel einer in Empathielosigkeit und brüllend laute Stumpfheit abdriftenden, Sündenböcke suchenden und latent antisemitischen Gesellschaft wirft – immer ist seine Sprache poetisch und konkret zugleich, und seine Musik ist nicht nur meisterhaft gedacht, sondern auch sinnlicher Genuss. Wer einmal staunend das Vergnügen hatte, Danny ­Dziuk beim Soundcheck Johann Sebastian Bach spielen zu hören, »nur so zum Warmmachen«, weiß, aus welchen tiefen, klaren Quellen dieser Mann schöpft. Danny Dziuk beherrscht die Künste, am Puls der Zeit zu sein, sich in seiner eigenen Zeit zu bewegen und dabei Zeitloses zu erschaffen. (Wiglaf Droste)

Seit Ihrer letzten Albumveröffentlichung »Freche Tattoos auf blutjungen Bankiers« von 2008 hat es acht Jahre gedauert, bis heute »Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer.« erscheint. Braucht es einfach so lange, bis Sie qualitativ zufrieden mit Ihrer Arbeit sind? Liegt es an den Produktionsbedingungen? An den Arbeiten für Annett Louisans Album »In meiner Mitte« (2011) und für die drei Alben von Axel Prahl, »Blick aufs Mehr« (2011), »Das Live-Album« (2013) und »Assel π« (2016)? An allem zusammen? Oder woran?

Ich will ja nicht spitzfindig sein, aber es ist erst siebeneinhalb Jahre her seit dem letzten Album … Na schön. – Meine existentielle Grunderfahrung bestand immer darin, von meiner Musik alleine nicht leben zu können. Es brauchte stets andere »Projekte nebenher« – oder auch »Haupteinnahmequellen«, um mich über Wasser zu halten. Wobei ich jedoch grundsätzlich darauf achtete, auch mit diesen ein bestimmtes Qualitätsniveau möglichst nie zu unterschreiten – seien es andere Bands oder Filmmusiken und dergleichen –, was wiederum ansonsten durchaus einträgliches Gala- oder Tanzmuckertum, à la Heinz Strunk zum Beispiel, von vornherein kategorisch ausschloss.

Natürlich hoffte ich mit jedem Album, dass sich diese Situation vielleicht doch mal ändern könnte. Aber als dies selbst nach den »Frechen Tattoos« nicht passierte – meiner Meinung nach das Beste, was ich bis dahin zustande gebracht hatte –, war ich, sagen wir, ein bisschen ratlos.

Als dann 2010 fast gleichzeitig Axel Prahl und Annett Louisan plötzlich bei mir anklopften, nahm ich das als Zeichen. Was heißen soll: Ich gab so ziemlich alles. Im Fall von Annett schrieb ich etwa 30 Songs, wovon es knapp die Hälfte auf ihre Alben »In meiner Mitte« (2011) sowie »Zuviel Information« (2014) schafften. Selbstredend gibt’s für all diese Songs auch ziemlich fortgeschrittene Demotapes. Für Axel Prahls Debütalbum »Blick aufs Mehr« brauchte ich etwa ein Jahr, um es fast im Alleingang auszukomponieren, zu arrangieren und zu produzieren, vor allem aber: zu mischen. Gerade letzteres – und das gilt vor allem auch für meine eigenen Produktionen – ist etwas, womit sich ein Musiker möglichst wenig beschäftigen sollte, denn es verlangt eine völlig andere Person, sich mit rein technischen Aspekten wie Frequenzen herumzuschlagen: Ein Techniker sollte analytisch und »kalt« sein, ein Musiker dagegen »heiß«, und vor allem sollte er spielen und nicht an Mischpulten herumschrauben. Der Komponist und der Texter sind noch mal andere Personen, womit ich sagen will: Man ist gezwungen, sich in all diese verschiedenen Personen aufzuspalten, und diese Art kontrollierter Schizophrenie erfordert vor allem viel Zeit.

Es gibt diese Formel, nach der nur zwei von folgenden drei Eigenschaften bei einer Produktion »erreichbar« sind: schnell, billig, gut. Und da in meinem Fall die Budgets extrem niedrig und die Ergebnisse ziemlich gut sind – behaupte ich jetzt mal –, braucht’s eben auch überdurchschnittlich viel Zeit. Und paradoxerweise gerade dann, wenn’s darum geht, das Ergebnis am Ende so leicht erscheinen zu lassen, als wär’s völlig mühelos entstanden. Sicherlich gibt’s auch glückliche Ausnahmen zu diesen drei Eigenschaften wie etwa Van Morrisons Wahnsinnsalbum »Astral Weeks«, das in drei Tagen eingespielt worden sein soll. – Wie lang die Mischung brauchte, ist nicht überliefert, aber möglicherweise ging auch das sehr schnell.

Um also auf die Frage zurückzukommen: Außer den Arbeiten für andere – wie auch nicht – sind es vor allem die Produktionsbedingungen. Plus ein leichtes Zögern, ob oder wann man sich ein weiteres Mal der eigentlich komplett selbstausbeuterischen Monstrosität der Produktion eines eigenen Albums aussetzen möchte, diesem seltsamen Gemisch aus Himmeln – wenn etwas gelingt – und verschiedensten Höllen – wehe nicht! Denn es gibt ja keine Entschuldigungen hinterher.

David Bowie sagte einmal sinngemäß: »Nur ein Idiot schafft sich eine feste Band an.« Sie haben auf dem neuen Album mit vielen Musikern gespielt, die vorher nicht bei Ihnen auftauchten. Als einzige Konstante über viele Jahre ist da ausschließlich der Gitarrist Hans Rohe zu hören. Ist das ein normaler Vorgang? Oder was sind die musikalischen Gründe? Es gibt ja Bands, die über Jahre und Jahrzehnte in der gleichen Besetzung spielen: nicht nur die Stones oder die (französische Gruppe, jW) Bratsch, auch Bob Dylan und Joe Jackson haben »ihre« festen Musiker im Studio und auf der Bühne. Oder ist die Dichte an richtig guten Musikern in Deutschland einfach noch nicht da?

Doch, es gibt viele gute Musiker. Nur muss man sie halt ausreichend bezahlen bzw. beschäftigen können, was bei den Big names, die Sie aufführen, ja auch der Fall ist. Da ich jedoch sehr viel kleiner planen muss, kann man das kaum vergleichen. Idealerweise hätte ich für meinen Teil gerne eine richtige feste Band, denn ich schätze haltbare, also verlässliche Arbeitsbedingungen weit mehr, als mich psychologisch immer wieder auf neue Leute einstellen zu müssen. Und darüber hinaus sind mir meine Mitspieler nicht scheißegal. Im Moment ist es ein Trio, das darüber hinaus praktischerweise mitsamt seinen Instrumenten sogar in meinen Kombi passt und sehr gut eingespielt ist: der Multiinstrumentalist und Chansonnier Karl Neukauf sowie der unglaublich gute Schlagzeuger Achim Färber – früher unter anderem bei Phillip Boa –, beide darüber hinaus der aussterbenden Rasse von Musikern mit anhaltend hohem Berufsethos zugehörig. Und ich hoffe, dass ich sie noch eine Zeitlang »halten« kann. Oder sagen wir: Ich würde es hassen, solche Hochkaräter nicht zumindest auch halbwegs bezahlen zu können. Sie waren es auch, die das Album am meisten mitgeprägt haben. Und da auf dem Album bei manchen der Songs bis hin zu zehn Musiker mitspielen, sind es zwar nur sehr reduzierte Versionen, die wir dann live auch darbieten können, aber es kommt auf eine merkwürdige Art dem Geist oder Grundgefühl des Albums trotzdem recht nahe: je leiser, desto intensiver. Und sollte sich mein Publikum durch das neue Album vergrößern, könnte sich dieses Trio durchaus auch wieder zu einer richtigen »Band« erweitern. Aber im Moment ist es einfach ein derart schön ausbalanciertes Zartgespinst, dass ich da trotzdem erst mal sehr vorsichtig vorginge.

Was die alte Band namens »Dziuks Küche« betrifft: Es stagnierte einfach zu sehr. Langjährige Verhaltensweisen, die sich wie von selbst eingeschliffen hatten und mir nicht mehr gefielen, Genervtheiten, schlechte Laune, Routine, all so was. Als ich dann mit Karl Neukauf zusammen spielte, merkte ich, um wieviel besser das alles auf einmal war, dieser leise Ansatz, kein lautes Schlagzeug mehr und keine wie selbstverständlich dahergeschrubbten Riffs, sondern ein komplettes Noch-mal-ganz-von-Vorne. Sich dahin tasten, wo es sich wirklich gut und richtig anfühlt, ein ständiges Reagieren aufeinander plus die völlige Freiheit, das alles jederzeit anzuhalten oder ganz woanders hingehen zu lassen. Was nicht heißen soll, dass Hans Rohe nicht weiterhin ab und zu geniale Momente haben kann, und deshalb war er ja auch bei den Aufnahmen dabei. Aber ich musste diese Routine einfach mal durchbrechen, aufwachen.

Einflüsse höre ich bei Ihnen von Bob Dylan, Tom Petty, Bruce Hornsby. Liege ich da falsch? Und/oder wer sind darüber hinaus Ihre Musen? Finden Sie sie eher in der Musik oder in der Literatur? Oder wo sonst? Und wenn es auf deutsch singende Musiker sind, wen würden Sie explizit nennen können oder wollen?

Bruce Hornsby, was ein paar »Tricks« auf dem Piano betrifft, ja. Aber da gibt’s auch noch Garth Hudson, Jimmy Smith oder – zumindest ein ganz kleines bisschen – Thelonious Monk, um nur drei zu nennen. Tom Petty nicht sooo explizit, aber es könnte sich schon hier und da was von ihm eingeschlichen haben. Erwähnen würde ich dagegen eher Randy Newman und Warren Zevon. Dylan, klar. Auch Leonard Cohen ist diesmal »dabei«. Musikalisch hab’ ich das Lied »Zu groß, um zu scheitern« (auf der neuen CD »Wer auch immer …«, jW) an seinem Song »Almost like the Blues« ausgerichtet. An Manu Chao das Lied »Wer auch immer …«, an Ry Cooder »Arschlochfreie Zone« und an Nick Cave »Auf leisen Sohlen«. – Deutschsprachig eigentlich an niemanden, aber wenn schon, dann am ehesten noch Rio Reiser. Auch Sven Regener find’ ich großartig, bin aber kaum von ihm beeinflusst. Warum eigentlich? Ansonsten mag ich die Herangehensweise von Dota Kehr. Und Ralph Schüller ist toll, Nils Koppruch war’s auch, und Verwandtschaften fühle ich vage – aus allerdings sehr unterschiedlichen Gründen – zu Leuten wie Sebastian Krämer, Wenzel, Niedecken (ein paar Stücke auf der letzten Platte wieder) oder auch Max Prosa. Stoppok hat mir wiederum eine Zeitlang sehr geholfen, meine Stimme zu finden – wie Sie übrigens auch, wenn auch auf ganz andere Weise, falls erlaubt. Und von Lynn Wright (»And The Wiremen«) hab’ ich mir in letzter Zeit ein bestimmtes Vibrato abgeschaut, das ich bis jetzt für meine Stimme noch nicht entdeckt hatte. Von meinen englischsprachigen bekannteren Heroen wären noch zu ergänzen: Van Morrison und Tom Waits.

Und um noch kurz die Kurve zur Literatur zu kriegen – falls das eine Kurve ist: Im Moment trauere ich noch ein bisschen um Imre Kertész, dessen Auseinandersetzung mit Adorno – zum Beispiel mit dessen Diktum von der Unmöglichkeit, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben – für mich ein paar Knoten löste. Früher waren es die Beats um Jack Kerouac, Edgar Allan Poe, die französischen Symbolisten und Freigeister wie Henry Miller, Lawrende Durrell, D. H. Lawrence oder Blaise Cendrars. Heute sind es eher Dostojewski, Hamsun – oder »moderner« – Mario Vargas Llosa zum Beispiel oder Jonathan Franzen. Vor allem deren Auseinandersetzung mit dem sogenannten Poststrukturalismus fand ich sehr erhellend. Ansonsten »quer durch den Garten«: von US-amerikanischen Krimiautoren wie James Lee Burke über Romanciers wie Harry Mulisch oder den Dichter Charles Simic bis hin zu der französischen Wirtschaftsjournalistin Flore Vasseur, die mir mit ihrem Roman »Kriminelle Bande« die sogenannte Bankenkrise 2008 bisher noch am schlüssigsten erklärt hat, was dann durchaus auch Einfluss auf »Zu groß, um zu scheitern« hatte. Auch die letzten Romane von Ralf Rothmann und Franz Dobler mochte ich – aus verschiedenen Gründen, und mit beiden gab’s auch Zusammenarbeiten –, um mal kurz auf Regionales zu sprechen zu kommen. Was Religionen angeht – noch so eine Kurve –, so bin ich froh, dass es hier jemanden wie Navid Kermani gibt, der sich ernsthaft um Dialog bemüht. Auch Michel Houellebecq gefällt mir dahingehend zunehmend. Womit wir nicht zuletzt bei Jiddu Krishnamurti wären, obwohl das jetzt immer weniger mit Literatur zu tun hat: für mich aber durchaus eine zeitweilig große Inspiration. Was mir leid tut: Bisher noch nichts von Marcel Proust gelesen bzw. sowieso haarsträubende Defizite, Bildungslücken zu haben. Besonders, was intensivere Beschäftigung mit verschiedensten Klassikern angeht. Lassen wir’s mal dabei?

Die Formulierung »arschlochfreie Zone« (der Titel eines Stücks auf der neuen CD, jW) ist für die meisten Menschen ja bedauerlicherweise durch die Bücher von Dieter Moor besetzt, der damit den von ihm okkupierten Teil Brandenburgs meint, ansonsten in der selbstverständlich völlig arschlochfreien Zone Fernsehen arbeitet und sich jetzt »Max Moor« nennt. Haben Sie das bedacht, ignoriert, schlicht nicht gewusst, oder ist die Formulierung »arschlochfreie Zone« sowieso gängig und Allgemeingut?

Für »die meisten Menschen«? Das wusste ich nicht, und vielleicht wär es ein Grund gewesen, diesen Song besser doch seinzulassen. Tja, und jetzt ist das arme Kind in den Brunnen gefallen, und da ham wir den Salat. Andererseits dürfte aber auch Lemmy Kilmister vielen bekannt sein mit seiner Acht-von-zehn-Regel (sind Arschlöcher), oder? Aber auch das hat mir erst kürzlich jemand erzählt. Der Auslöser für dieses Lied jedoch war eher ein Stück des vor einigen Jahren verstorbenen Berlin-Amerikaners Francis Serafini namens »No assholes tonite« oder so ähnlich. Von dem griff ich dann allerdings nur die Überschrift auf, und das auch nur ungefähr

Wirkt sich Ihre Arbeit für »Berühmtheiten« wie Annett Louisan oder Axel Prahl auf den Erfolg Ihrer eigenen Veröffentlichungen und Konzerte aus? Oder sind das einfach zwei verschiedene Paar Schuhe? »Würdest du?« hat ja schon Louisan gesungen. Denken die Leute jetzt, Sie würden sie covern, oder wissen die, dass der Song von Ihnen und einem Koautoren stammt?

Wird bei weitem überschätzt. Also eher zwei Paar Schuhe. Hat mich anfangs auch gewundert, aber obwohl beispielsweise Axel Prahl bei unseren mittlerweile über 100 Konzerten riesenherzigerweise wirklich alles tat, mich mit zwei Beiträgen pro Show seinem Publikum auch als Sänger/Songschreiber vorzustellen sowie die entsprechende Resonanz in der Regel auch sehr enthusiastisch ausfiel, war der Anstieg der Zuschauerzahlen bei meinen eigenen Konzerten im Verhältnis dazu bisher eher marginal. Ich glaub daher, dass »Nebenschauplätze« nicht besonders deutlich wahrgenommen werden. Andererseits weiß niemand, ob sich sowas »on the long run« auf eine sehr viel unauffälligere Weise nicht vielleicht doch auswirkt.

In einem viel älteren Song haben Sie sich, halb ironisch zwar, aber doch nicht unernsthaft als »zu alt« für den großen Ruhm bezeichnet. Sehen Sie das jetzt, Jahre danach, immer noch so, oder kommt noch der Star Danny Dziuk? Und was wäre der Preis? Oder ist das völlig egal bzw. sowieso unplanbar?

Neulich sah ich durch Zufall einen Herbert Grönemeyer-Live-Ausschnitt in der Glotze, erschrak zunächst ein bisschen und dachte dann: Ein Glück, dass ich da nicht stehen muss vor dieser Menschenmenge. Diese fast unheimliche Machtausübung und die Mechanismen, die damit zusammenhängen, dieses Mitsingen und Klatschen, das man dann wahrscheinlich bedienen lernen muss. Mit einem Wort: all das, was kaum noch mit Musik zu tun hat, sondern eher mit Huldigung, Unterwerfung, Abfeiern der Tatsache, mit einem Halbgott im selben Raum zu sein. Und selbst wenn dieser Halbgott und seine Band dann unglaublich gut spielen oder singen, so besteht doch schlechterdings ab einer bestimmten Größenordnung keinerlei Chance mehr, das – als Zuhörer – überhaupt mitzukriegen. Mir würde schwindelig werden.

Die ideale Zuschauerzahl dagegen läge für mich bei etwa 300 Leuten. Das Publikum kriegte alles noch dezidiert mit. Und bei vielleicht 80 bis 100 Gigs im Jahr könnten die Musiker sogar davon leben bzw. sich voll auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren. Das würde mir gefallen, und besonders unrealistisch oder unerreichbar scheint es mir auch nicht zu sein. Aber selbst, wenn alles so bliebe, wie es jetzt ist: Bisher zumindest bin ich noch immer damit klargekommen. »Easy come, easy go / anyway the wind blows« sang J. J. Cale, der alte Fuchs. Erfolg ist sowieso nicht planbar. Wozu Kinky Friedman sinngemäß meinte, dass der Herrgott einem eh nicht gibt, was man unbedingt will, und man ihn demzufolge nur austricksen könne, indem man so tue, als wolle man es gar nicht. Wenn man etwa unbedingt Rockstar werden will, erstmal Wirtschaftswissenschaften studieren. Wie Mick Jagger. Will ich das? Nö.

https://www.jungewelt.de/2016/04-08/068.php

„Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer.“

Wollte ja noch ein bisschen was zum neuen Album erzählen, also: es ist fertig jetzt, die ersten Exemplare liegen – frisch aus dem Druck – vor mir auf dem Tisch hier. Was das Inhaltliche angeht, möchte ich mich lieber ein bisschen zurückhalten, denn die Natur von Songs besteht ja ganz wesentlich nicht zuletzt darin, etwas mit wenigen Worten so konzise wie möglich auf den Punkt zu bringen, wofür andere vielleicht halbe Bücher brauchen. Und entweder sprechen die Dinger dann für sich selber, oder aber sie sind halt äh… nicht so gut. Und ich unterstelle jetzt mal hier einfach Ersteres.

Insgeheim war ich mir übrigens nicht sicher gewesen, ob ich sowas wie „Freche Tattoos…“ nochmal hinkriegen würde, aber vielleicht geht´s darum ja auch gar nicht: es ist halt ein ganz anderes Album geworden. Und so sieht das kleine Biest aus:

Bildschirmfoto 2016-02-27 um 19.17.19

Immerhin sind 7 Jahre seitdem vergangen, vieles hatte sich angesammelt in dieser Zeit, manches davon war auch ursprünglich für andere geschrieben, dazu in verschiedenen Phasen, und so ist es eine Art Querschnitt.
Die persönlicheren Songs eher in rot (so wie Nietzsche meinte, dass ihn nichts interessiere, was nicht „mit Blut“ geschrieben sei), und die eher politischen so vorausschauend wie möglich, also keine Tagespolitik, und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie noch ne zeitlang halten werden.
Dann gibt´s ein paar satirische Sprengsel, um das ganze nicht allzu schwer werden zu lassen, und überhaupt geht´s dabei stilistisch mal wieder ziemlich quer durch sämtliche Rabatten, da kann ich halt nicht anders, und ein Stück klingt vielleicht ein bisschen nach Nina Simone, ein anderes nach Nick Cave, noch eins nach Manu Chao und ein weiteres nach Daniel Lanois. Der frühe Dylan und Randy Newman linsen auch ab und zu um die Ecke, und an einer Stelle wird sogar Duane Eddy mit Aaron Copeland gekreuzt. Manche Stücke sind sehr fett instrumentiert (bis hin zu 10 Leuten incl. leicht „kubanischer“ Bläser, kombiniert zum Beispiel mit Viola), andere kommen bereits mit Klavier und Gitarre aus, und beim letzten Song sing ich fast einen halben Chor alleine (wenn Dan Reeder das darf, dann darf ich das auch!). – Insgesamt haben´s von etwa 25 Songs 12 – und in einer fast story-ähnlichen Reihenfolge – auf das Album geschafft, dessen Grundstimmung ich mit „blauviolett“ umschreiben würde.

Über die Arbeitsweise und die Beteiligten in Ingo Krauss` großartigem Candybomber Studio hab ich ja bereits im vorletzten Beitrag hier berichtet, und später dann – bei der quasi heimischen Weiterarbeit an dem Material – schneite des öfteren Karl Neukauf vorbei und half mir ein paarmal aus bösen Patschen, teils mit ein paar wunderhübschen Gitarrenparts, die er einfach so aus dem Ärmel zauberte, teils mit Ideen zu Sound oder Produktion. Apropos Karl: Unser schönes Duett namens „Pater Noster“, das wir jetzt auch schon so oft live zusammen gespielt haben, hat´s leider nicht auf´s Album geschafft. Genausowenig wie mein Israel-Lied, das der ein oder andere vielleicht noch von meinen letzten äh… Auftritten in Erinnerung hat (um die beiden tut´s mir besonders Leid, aber die klangen halt noch nicht so rund oder gut, wie ich sie „hörte“, was ich wiederum hoffentlich so schnell wie möglich irgendwie nachholen kann). – Zuguterletzt dann sang sogar mein märchenhafter Käpt´n Axel Prahl noch eines Nachmittags bei 3 Stücken mit, und auch Dota Kehr kam von ihren momentanen künstlerischen Höhenflügen kurz hier unten vorbei, um etwas zu „Und all meine Freunde“ beizutragen.

Übrigens ist das Ganze diesmal, nun ja… eine Art Soloalbum geworden. „Dziuks Küche“ ist nicht tot, sie schläft nur, wer weiß… die Interessen der alten Band waren dann doch ein bisschen sehr auseinandergedriftet mit der Zeit, und dazu hatten wir auch sowieso schon keinen Schlagzeuger mehr, und als ich mit diesem Album schließlich anfing, hatte ich nicht länger mehr das Gefühl, in einer Band zu spielen, sondern es waren halt eher Lieblingsmusiker, die ich mir zusammensuchte, um erstmal nur an diesem Projekt mit mir zu arbeiten. Und vielleicht entsteht daraus ja auch eines Tages wieder sowas wie eine Band, und die „Küche“ wacht wieder auf.

Im Moment hat sich aus dem Album ein Live-Trio kondensiert, nämlich Achim Färber, Karl Neukauf und icke. Die beiden ersteren waren sowieso die konstituierendsten Musiker auf dem Album (außer Alex Bayer, aber dazu gleich), und da ich mit Karl eh schon eine Art Ideal-Duo hatte, lag Achim als erste sehr vorsichtige Erweiterung auf der Hand, zumal er (obwohl von Phillip Boa & anderen eher krachigen Bands kommend) mit einer unglaublichen Intensität auch sehr leise spielen kann, in dieser Hinsicht geradezu ein Klangakrobat & dazu noch erfreulicherweise der scheinbar aussterbenden Rasse von Musikern mit einem hohen Berufsethos zugehörig.-
Der überaus praktische Clou an der ganzen Sache aber besteht darin, dass wir alle drei mitsamt all unserer Instrumente in einen Kombi passen. Das Zentrum dessen bildet eine 24“ Bassdrum mit einem bis zu 30 Hz runterreichenden Ton, die aber nur etwa ein Drittel der Tiefe (in Zentimetern) einer normalen Bassdrums hat und insofern nicht nur enorm platzsparend beim Transport ist, sondern wegen ihres geradezu irre tiefen Klangs auch zumindest teilweise den fehlenden Bass kompensiert. Womit wir wieder bei Alex wären: der hat einen so schönen Ton auf dem Album hinterlassen, dass wir selbstredend sowieso alle lieber mit ihm als ohne ihn spielen würden, aber es würde halt auch unser kompaktes Trio-Paket sofort 2 Kostenstufen höher katapultieren. Und ich hätte ein permanent schlechtes Gewissen, so guten Leuten nur so wenig bezahlen zu können. Und das Trio ist gerade an der Grenze. Also warten wir mal ab, wie das Album läuft, und nach den ersten paar Reaktionen kann ich´s ja jetzt vielleicht ruhig doch schon mal kurz sagen: ich glaub, es ist geradezu scheiße-gut geworden. – Und sollte sich das auch in Zuschauer- oder Verkaufszahlen widerspiegeln, würde sich auch sehr schnell die Besetzung wieder vergrößern. Aber bis dahin: alles schön „aus dem Keller“, wie oben erwähnter märchenhafter Kapitän das manchmal zu nennen pflegt. Und eines möchte ich noch gern hinzufügen: wir können als Trio zwar nicht annähernd das Album so fett reproduzieren, wie es nunmal klingt, aber das Kondensat oder die Essenz der Songs – weißgott – schon!

Und jetzt nochmal kurz zum Werbeblock, liebe Freunde & potentiell Interessierten: erscheinen wird Danny Dziuks Album „Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer“ am

08.April

bei Buschfunk, und das Record Release-Konzert mit besagtem Trio steigt am

13.April im Schlot.

(Tusch und Vorhang)

P.S.: Und vorher spielen wir noch am

12.03. in Vegesack / Gewölbe / http://www.gewoelbe-vegesack.de/index.html
13.03. in Hamburg / Polittbüro / http://www.polittbuero.de
22.03. in Bremen / Lagerhaus / http://www.kulturzentrum-lagerhaus.de
23.03. in Bremerhaven / Pferdestall / http://www.pferdestall-bremerhaven.de/programm/
24.03. in Sandhatten / Alte Post / http://www.altepost-sandhatten.de
28.03. in Wangerooge / Kurhaus…

Das Schöne daran: wir werden das Album bereits schon VOR Erscheinungsdatum dabeihaben!

Ace of Spades

Lemmy Kilmister war der Typ, auf den sich selbst extreme Seiten positiv einigen konnten, von – sagen wir – aggressiven Punks bis hin zu poststrukturalistischen Superintellektuellen. Dass die Heavy Metal-Fraktion auch dabei war, konnte man in diesem Fall durchaus vernachlässigen, wenn man das wollte.

Spielte in meinem Leben exakt 3 Mal für ihn. Das erste Mal so gegen 2003: ich war gerade mitten im Stress mit einer Filmmusik, als Ulf Zick, mein damaliger Labelchef, mich anrief & fragte, ob ich „heute“ (!) Zeit hätte. Ich sagte: „Nee, eigentlich nicht, denn ich bin gerade mitten im Stress mit einer Filmmusik.“ Er sagte: „Lemmy Kilmister ist gerade in Berlin und braucht einen Piano-track für sein Solo-Album.“ Und ich daraufhin, nach einer kurzen Pause: „Geht´s auch heute nacht so gegen Eins?“ Ulf sprach kurz mit jemandem und sagte: „Ja, geht.“ – Lemmy himself, Hilfe!

Als ich spätnachts den kleinen Aufenthaltsraum zwischen Regie & dem ansonsten riesigen Kellergewölbe von Jimmy Vox` Studio in Schöneberg betrat, spielte Lemmy irgendein Video-Spiel, sah kurz hoch, murmelte eine Art knapper Begrüßung und spielte dann weiter. Ich beschloss sofort, ihn besser auch nicht weiter zu nerven, und unterhielt mich mit Ulf und seiner Freundin, so gut es ging. Einzwei weitere Leute waren auch noch da: zumindest einer davon aus Lemmys Band, denke ich. Ich sah nicht gerade aus wie ein Wackener, und vielleicht war deshalb die Kommunikation mit ihm nicht gerade überschwänglich. Keine Ahnung. Ich beschloss, dass das vielleicht auch egal war.

Lemmy erinnerte mich irgendwie an meinen alten australischen Rock´n Roll-Kumpel Johnny Driver, auch redete er ähnlich, als wir in den Regieraum gingen und uns die Nummer anhörten, zu der ich Piano spielen sollte. Da Johnny mich irgendwann akzeptiert hatte, war das die Art von Brücke (oder Krücke), an die ich mich hielt: keinen Scheiß erzählen, immer schön knapp und möglichst auf den Punkt. Und auf keinen Fall auch nur zu versuchen, sich irgendwie interessant zu machen. Lemmy fragte, ob ich einen bestimmten Pianisten kenne, der in den 50ern mal mit Elvis gespielt hatte, und ich sagte wahrheitsgemäß „sorry, no“. Dann spielte er mir auf seinem Walkman irgendwas von Little Richard vor, um zu verdeutlichen, welche Art von Rock´n Roll-Piano er meinte. Dann ging er wieder zu seinem Video-Spiel.

Jimmy Vox stellte mir schließlich so ein kleines Plastik-Keyboard dahin, per Midi mit einem Pianosound verbunden, den er für passend hielt. Hilfe. Dann ließ er die Nummer laufen, und ich spielte zum ersten Mal mit. Lemmy kam wieder rein, stellte sich neben mich, hörte eine zeitlang zu, und verließ den Regieraum wieder, bevor das Stück zuende war. Was in mir dabei vorgegangen war, lässt sich in etwa so beschreiben: zuerst völlige Nervosität, dann aber ziemlich schnell gefolgt von: was soll´s, spiel einfach, und wenn sie dir hinterher den Kopf abreißen, auch egal. Ab da überließ ich mich – Little Richard hin oder her – einfach komplett meinem Gefühl & spielte so, wie mir der Schnabel gewachsen war, ohne Zurückhaltung oder Respekt vor irgendwas. Ich mochte die Nummer, zu der ich spielte, eine Art sehr schnelle & harte Version von einem Blues. Erinnerte mich ein bisschen an ein Stück auf einer der Soloplatten von Ronnie Wood, in die ich mal eine zeitlang verliebt gewesen war. Und genauso spielte ich auch.

Als die Musik zuende war, ging auch Jimmy Vox raus , sagte, ich möge doch bitte kurz hier warten. Ein paar Minuten saß ich allein da in dem stillen Regieraum & rauchte ne Zigarette.

Dann kam Jimmy wieder rein und sagte: „Lemmy mag, wie du spielst.“ – Danach fegte ich auf meinem kleinen Plastik-Keyboard noch ein paarmal über das Stück, immer schön nach der mir-doch-scheißegal-Devise, und dann kam irgendwann Lemmy wieder rein & Jimmy sagte „Ich glaub, wir haben´s“. Im Kasten.

Lemmy führte mich hinterher noch ein bisschen durch das Studio, zeigte mir z.B. einen Raum mit einer Reihe von nebeneinanderstehenden Marshall-Verstärkern, yes, I understand. „I played with a Rock´n Roll Band, too“, sage ich. Lemmy ist zuvorkommend, freundlich und die Ruhe selbst: das ist es, was mir besonders auffällt. Keinen Speed in den Augen oder sowas, sondern nur einfach sehr klar, blau und ruhig. Dann fragte er, ob ich noch irgendeinen Wunsch habe.

„Yes.“
„What is it?“
„Could spell my name right on the album?“

Er lacht. Schließlich steckt er mir meine Gage zu: ein paar zusammengerollte Scheine von Hand zu Hand, fast so wie früher beim Dopedealer an der Strassenecke. Thank you, Sir. Er lacht.

Zweidrei Jahre später dann eine weitere Aufnahme unter ähnlichen Umständen, quasi für dasselbe Soloalbum. Konzept: Lemmy spielt mit verschiedenen Bands, die er mag, in allen Teilen der Welt Songs ein, die dann später irgendwie zusammengefasst werden sollen auf einem entsprechenden Album.

Dann hörte ich ein paar Jahre lang nichts mehr.

Zu der Zeit, als ich gerade Annett Louisan (mit dem Gegensatz sollen ein paar Leute erstmal klarkommen) kennenlernte – also wird es wahrscheinlich Anfang 2011 gewesen sein – ein erneuter Anruf von Jimmy: Lemmy habe in L.A. gerade einen Song mit Guns n´ Roses aufgenommen, bei der ihm aber der Part des Pianisten nicht so gut gefiel. Und dann der Hammer: ob nämlich „nicht dieser Typ aus Berlin das mal spielen könnte“? – Nun, das tat ich, nur war Lemmy dieses Mal nicht mehr dabei. „Und das hier soll ich dir von ihm geben“, sagte Jimmy hinterher.

Thank you, Sir.