Nächstes Album, kein Problem

Ja, lange schrob ich hier nichts.

Liegt zum einen an Facebook, wozu ich mich vor etwa einem Jahr hatte breitschlagen lassen, um es zwar ausschließlich als Litfasssäule zu gebrauchen, wobei dieser Vorsatz dann aber nach und nach zerbröselte, denn ich fing an, außer Tourdaten und dergleichen auch anderes noch da reinzuschreiben, und nachdem das Nichtraucher-Video innerhalb von 2 Tagen mehr als 5000 Leute erreicht hatte, wurde selbst einem Schwarmintelligenzablehner wie mir klar, was für Möglichkeiten in diesem Schneeballsystem stecken. Na schön, ganz toll.

Nicht so toll: zum Beispiel diese selten dämlich nassforsche Vorformulierung für das Erbetteln von Likes: „Lade deine Freunde ein, diese Seite mit „Gefällt mir“ zu markieren.“ – Ich meine, ich quatsch doch auch nicht irgendeinen entfernten Bekannten in der Kneipe an mit „Ich lade dich ein, mir ein Bier zu spendieren“, was ja eine komplette Verdrehung der Tatsache wäre, dass ich was von dem will und nicht umgekehrt, und mit Recht würde ich bei manch einem dafür was auf´s Maul riskieren.

Nicht so bei Facebook: da hat man sich offenbar an diese Mischung aus Schluffigkeit und cleverer Dummdreistigkeit gewöhnt, übrigens auch teilweise ein Erbe ex-alternativer Geldbeschaffungsmaßnahmen, das hab ich oft genug erlebt, und das Nonplusultra solcher sprachlichen Tatsachenverdrehungen sind mittlerweile Formulierungen wie „Hast du ein Problem damit?“ – Also zum Beispiel „lädt“ mich eine Studentengemeinschaft „dazu ein“, bei ihnen zu spielen. In Dresden (also quasi 200 km von meiner königlichen Residenz entfernt). Sie würden demnächst gerne eine Semesterabschlussparty dort veranstalten, hätten sich im Internet nach Bands umgesehen, die ihnen gefielen, und ihre erste Wahl sei meine Band. Wir würden dort auch ganz tolles einheimisches Bier umsonst kriegen, leider sei aber die Gage abhängig von einem Hut, den sie dort rumgehen ließen, das sei halt dort Tradition. Und ob ich „ein Problem damit“ hätte? Äh… also ich meine, das sind vermutlich zu 50 Prozent von ihren politisch windelweich opportunistischen Ex-68-Großeltern vorfinanzierte angehende Akademiker, und wer hat demnach also hier „ein Problem“? Ich jedenfalls nicht, weil ich so einen sich alternativ gebenden Ausbeuterscheiß natürlich gar nicht erst in Betracht ziehe. Und genau dieser falsche Community-Ton durchzieht auch Facebook – unablösbar wie die Maserung auf diesem Holztisch hier, auf dem wiederum übrigens ein schönes Fläschchen portugiesischen Rotweins steht, für den ich aber nicht 400 km zu fahren brauche. Und wenn die leer ist, kann ich trotzdem meine Miete noch zahlen.

Neulich hörte ich von einem Veranstalter, der den Wert der Bands, die er bucht, nach der Anzahl ihrer Facebook-Likes – und zwar dividiert durch 10 – veranschlagt. Nach diesem Berechnungs-Modell läge die Gage, die er meiner Band zu zahlen bereit wäre, im Moment bei etwa 34 €. Natürlich kann er nicht wissen, dass mich bereits besagte Vorformulierung bisher davon abgehalten hat, das zu tun, womit andere den ganzen Tag beschäftigt sind (nämlich verzweifelt und um jeden Preis Likes von allem und jedem zu erbetteln). „Social Media“: Ich möchte mal wissen, was an diesem Rattenrennen sozial sein soll. Oder auch nur sozialisierend, also der ganz neutrale Ausdruck dafür, mit anderen in Kontakt zu treten. Was für ein Kontakt?

Überhaupt „moderne Kommunikation“. Dazu neulich Kinky Friedman (immer verlässlich) im Lido: „Welche Kommunikation? Ein 75-jähriger Pädophiler in New Jersey behauptet, er sei ein 26-jähriger Surfer aus Kalifornien und kontaktiert ein 14-jähriges Mädchen aus Montana, das in Wirklichkeit ein 40-jähriger Sittenpolizist in Miami ist. Das ist aus dem Internet geworden, wenn Sie mich fragen.“ – Ein schönes positives Schlusswort also jedenfalls für die erste Hälfte meiner Entschuldigung (hier so lange nichts geschrieben zu haben).

Die andere Hälfte: das letzte Jahr war eine so leichte Zeit, all die Konzerte mit Axel Prahl, ich musste zur Abwechslung mal über nicht viel mehr nachdenken als zu spielen, zu reisen und ja, auch äh… ein bisschen was zu trinken. Und genoss es einfach. Fast hätte ich gesagt: „genaß“. Und einmal, nach einem sehr gelungenen Konzert, hatte ich im Bandbus bei einer nächtlichen Fahrt zum Hotel unter irgendeinem Sternenhimmel plötzlich die Vision (ich weiß, dass Helmut Schmidt meint, dass zum Arzt gehen sollte, wer Visionen hat), als sei diese Person (also icke) genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort im Universum, und ich besah mir unauffällig all die anderen im Bus, keiner merkte was, der Motor brummte, Reflexionen von Handys oder Tablets auf den Gesichtern oder auch nicht, und ich verstand plötzlich jeden einzelnen, und liebte sie alle, ich schwör´s. Und ich weiß das so genau, weil solche Momente bei mir in den letzten Jahren so rar gesät waren, dass man sie an den Zeigefingern eines Einarmigen hätte abzählen können. Na schön, ich geb zu, schon seit langem auf eine Gelegenheit gewartet zu haben, diese Formulierung irgendwo anzubringen, und hier war sie, die Gelegenheit (und der Spruch von James Lee Burke). Und besagte Vision war u.a. dem temporären Eingeständnis mir selbst gegenüber geschuldet, vielleicht doch vor allem „nur“ ein „zweiter Mann“ sein zu können. Zwar der „beste zweite Mann der Welt“, das war ich immer (egal bei wem), aber vielleicht nunmal nicht zur Frontsau geboren. Zuviele Zweifel, zuwenig Selbstvertrauen oder so ähnlich. Warum auch nicht, was soll´s, dann ist es eben so, dachte ich.

Damit ist es im Moment aber leider – oder auch nicht leider – wieder vorbei (auch mit den Entschuldigungen übrigens), genauso wie mit dem entsprechenden Seelenfrieden, denn ich hab gerade mal wieder ernsthaft mit einem eigenen Album angefangen, und die ersten Ergebnisse sind einfach zu schön. Und da kommen einem dann natürlich auch wieder solche altbekannten Gassenhauer-Argumente um die Ecke wie „eines der Hauptprobleme der Welt besteht darin, dass die wirklich Guten stets voller Zweifel sind, während die Idioten vor Selbstbewusstsein nur so strotzen.“ (eigentlich ein Bukowski-Zitat, aber der soll´s bei A. Huxley abgeschrieben haben). Jedenfalls, wie auch immer: 10 Songs hab ich vor kurzem aufgenommen, im Candybomber Studio mit Ingo Krauss am Mischpult (bzw. allem, was mit natürlichem Klang zu tun hat – gute alte Conny Plank-Schule, und auch ähnlich renitent in seiner Auffassung allem Musikbusiness gegenüber), Achim Färber an den Drums (auf den ich 3 Monate wartete, weil ich ihn so gut fand, und der mir auch diesen Tip mit dem Candybomber Studio gegeben hatte, und er war sowieso der konstituierendste Part der meisten Aufnahmen), und Alex Bayer am Bass (ein Jazz-Bassist, dessen Soloalbum ich bewundert hatte, und dessen Sound ich beim Abhören hier gerade mit „mattem Samt“ umschreiben würde). Wir probten 3 Tage, und gingen dann für 5 Tage in besagtes Studio, wobei am 2ten Tag davon dann noch Hans Rohe an der Gitarre und Karl Neukauf als Inspiration (und ein bisschen auch als Co-Produzent) dazu kamen. Mit letzterem hatte ich ein paar Duo-Gigs gespielt, die es in sich hatten, und außerdem hatte er mit einfachsten Mitteln ein paar sehr überzeugend klingende Alben produziert (u.a. seine eigenen). Seltsamerweise verstehen wir uns blind, vor allem auf der Bühne, obwohl eine Generation zwischen uns liegt… ein sehr ähnliches musikalisches Vokabular, was eine improvisatorische Freiheit ergibt, die ich bisher so selten erlebt hab, dass man sie quasi an den Zeigefingern eines Einarmigen… ok, lassen wir das. Er ist selber ein Sänger (ein ziemlich unglaublicher noch dazu) und hat möglicherweise auch deshalb einen so guten Instinkt, wenn es darum geht, genau die Töne zu treffen, die selbst einen grundsätzlichen Alles-Misstrauer wie mich dazu bringen können, abzuheben.

Jedenfalls: der Budenzauber geht wieder los, und ich freue mich, den möglicherweise nicht allzu zahlreichen verbliebenen Aufsuchern dieser doch etwas vernachlässigten Seiten hier berichten zu können, dass mein nächstes Album vermutlich so gegen Ende September rauskommen wird, Tattaratta! –

Und hier noch ein paar Bilderchen aus dem schönen Candybomber-Studio, geschossen von Karl Neukauf: Candybomber1

Candybomber2

Candybomber3

Candybomber4

Candybomber5

Oktober

Ich glaub nicht, dass es irgendwen gab, der mit dem Sound purer elektrischer Gitarren so halsbrecherisch umgehen konnte wie Lou Reed (nichtmal Neil Young). Denke hier gerade vor allem an die Phase von “New York, New York”, eine meiner Lieblingsplatten überhaupt, die ich gefühlte 2000 Mal gehört haben muss (plus 1 Konzert), das war nun wirklich sagenhaft, diese verzerrten Reibungen der einfachsten Akkorde (und NUR diesen), auf denen er herumritt wie auf einem wildgewordenen Güterzug oder einer herrenlos dahinrasenden New Yorker U-Bahn, sämtliche roten Ampeln überfahrend und jeden Augenblick in Gefahr, aus den Gleisen zu springen. Tat sie aber nicht, weil Lou Reed stark oder geschickt genug schien, sie so gerade eben noch auf Kurs zu halten, so hört sich das an. Und dann diese stoische Stimme dazu & dieser knapp über die Köpfe der hintersten Zuschauer-Reihe in irgendein Nichts gerichtete Blick, und was er da sagt oder singt, ist überhaupt nicht schön, und es reimt sich auch nicht, sondern ist schlicht nur etwas, das jetzt gefälligst vielleicht mal gesagt gehört, wenn man schon so einer ist, der ab und zu mal wirklich was klar gestellt haben möchte bzw. einer entsprechenden Sprache & Geste fähig (zu welchen Sujets auch immer, und derer  gab es EINIGE). Und dann glaubt man ihm auch “You gotta fly fly away on that dirty Boulevard.” – Glaubt es nicht nur, sondern ist sogar heilfroh, dass einer wie er sich zu solchen Zeilen aufraffen konnte. Und ist ihm sehr dankbar dafür.
Letztes Jahr um dieselbe Zeit Nils Koppruch (der sein ganzes Leben lang nun wirklich NICHTS falsch gemacht hatte) und jetzt Lou Reed: reicht das jetzt vielleicht mal wieder für ne Weile?