Jahresrückblick ’22

Wie jeden anderen wahrscheinlich auch hat mich Putins Gemetzel in der Ukraine am meisten beschäftigt. Viel Zeitung gelesen, Informationen nachgeholt, Diskussionen verfolgt, meine eigentliche Arbeit vernachlässigt, gespendet und erstmal lange die Klappe gehalten. Was mich zunehmend verwunderte, waren einige bisher eher geschätzte Linke, die kurz vor dem 24. Februar noch Stein und Bein geschworen hatten, dass Putin niemals in die Ukraine einmarschieren würde. Als er es dann doch tat, dauerte es keine 3 Tage, bis dieselben Leute der Ukraine empfahlen, möglichst schnell die Waffen zu strecken, da sie gegen die russische Armee ja sowieso keine Chance hätte. Und als auch das sich als Irrtum erwies, in der Folge dann Waffenlieferungen an die Ukraine als Kriegstreiberei brandmarkten (und auch weiterhin Kapitulation empfahlen), diesmal allerdings mit dem Hauptargument, dass nur auf diese Weise das Töten endlich beendet werden könne. Und dass Putin dann bestimmt ganz lieb sein werde und sowas keinesfalls als Aufforderung begreifen würde, als nächstes etwa in Moldau einzumarschieren. Trotz Atombombendrohung. Man forderte in offenen Briefen Verhandlungen, ohne benennen zu können oder zu wollen, worüber denn eigentlich. Denn mittlerweile war ziemlich klar, dass die einzigen Argumente, die Putin bei Verhandlungen akzeptieren würde, in der militärischen Stärke des Gegners bestanden. Und der Gegner hieß Amerika bzw. “Der Westen”. Gefundenes Fressen bzw. der kapitalistische Feind schlechthin, und “der Feind meines Feindes ist mein Freund”. Dass der mittlerweile schon lange mit Kommunismus nichts mehr zu tun hatte, sondern längst zu einer Ein-Mann-Autokratie degeneriert war, zählte dabei dann auch kaum noch. Man rechnete also der Nato erstmal in aller Ruhe die Fehler der letzten 50 Jahre vor, verschwieg auch die Korruption und die nazistischen Umtriebe in der Ukraine nicht (die weit größeren – in beiderlei Hinsicht – in Russland allerdings schon), und nahm sich fortan überhaupt alle Zeit der Welt für jede noch so spitzfindige Akribie (solange sie nur auf die Schuld des Westens hinauslief), nur für eines nicht: Der Ukraine irgendwie gegen Putin zu helfen. Ach, machen wir´s kurz: Ich verstehe manche dieser Leute einfach nicht mehr. Schade.

Währenddessen tourten Tocotronic unter dem Slogan “Nie wieder Krieg” durch Deutschland, was natürlich nicht so gemeint war, wie es sich auf den ersten Blick hin las, sondern viel subtiler (nee, schon klar, aber ein Entspannungstee gleichen Namens bei Alnatura wäre vielleicht auch keine schlechte Geschäftsidee), und Precht/Welzer landeten einen Bestseller, in dem sie sich darüber beschwerten, dass ihre Meinung – u.a. Kapitulationsempfehlungen an die Ukraine – nicht genügend wahrgenommen würden.

Dann gingen die Proteste im Iran los,.”Weine nicht, wenn ich morgen gestorben bin, denn heute warst du nicht an meiner Seite”, sagte der Rapper Toomaj Salehi, kurz bevor er verhaftet wurde. Aber auch das scheint viele Linke nicht sonderlich zu interessieren, denn der Aufschrei ist nicht halb so groß wie er es wäre, sollte mal wieder irgendwas gegen Israel anliegen. Wo bleiben eigentlich all die BDS-Verteidiger, wenn man sie mal braucht? Versteh ich auch nicht.

Und während all der Zeit musste ich auch so langsam mal mein nächstes Album fertigstellen, so dass ich mir nichtmal eine Karte für Bob Dylan gesichert hatte, der Anfang Oktober in Berlin gastierte. Claudia Denker allerdings bestand darauf, dass ich genau das aber bitteschön zu tun habe, andernfalls ich es vielleicht für den Rest meines Lebens noch bereuen würde. Na schön, also besorgte ich mir auf die Schnelle einen der letzten Plätze (225 Euro, Barhocker direkt an der Balustrade), unterbrach meine Arbeit, und siehe da, Claudia Denker hatte – wie fast immer – völlig Recht gehabt: Ich hätte es bereut, denn das Konzert war magisch. Vollkommene Stecknadel-Stille im Saal bei wunderbar transparentem Sound, beste Voraussetzungen also, so ein Konzert auch nach allen Regeln der Kunst zu vermasseln. Aber Dylan zauberte. Es gab Passagen, in denen die Band fast völlig aussetzte, und man jedes kleinste Detail seiner Stimme in allen Nuancen mitkriegen konnte, und er nutzte das. Die Dekonstruktionen seiner eigenen Texte und Melodien sind völlig aus dem Moment geboren, aus einer Art Ursuppe oder Chaos, das leicht ins Nichts abstürzen, aber bei Gelingen auch geradezu Blitze erzeugen kann, die einem dann durch Kopf und Körper gehen. Das ist eine ganz eigene und auf nichts als poetische Essenz zielende Kunstform, die er da erfunden hat, wobei selbst falsche Töne hier und da überhaupt keine Rolle mehr spielen. In vieler Hinsicht also das diametrale Gegenteil zu jemandem wie Glenn Gould, den ich in letzter Zeit auch gerne höre. Apollon und Dionysos in ihrer jeweiligen Reinform, gewissermaßen.

Bücher gab´s auch ein paar zwischendurch, zum Beispiel Rayk Wielands “Beleidigung dritten Grades” (was für eine Sprachbeherrschung), Johannes Groschupfs “Hyänen” (schlanker Schreibstil, der es irgendwie faustdick hinter den Ohren hat) oder auch Peter Grandls “Turmgold”, dem Nachfolger von “Turmschatten” (vor allem spannend – und auch mit detailreichen Infos über die haarsträubend mangelhafte Aufarbeitung deutscher Neonazi-Umtriebe bis in die Gegenwart, allerdings manchmal auch mit unfreiwillig komischen Satzkonstruktionen wie “… und legte seine rechte Hand auf Manfreds Schulter, an der zwei Finger fehlten.”).

Und gerade hab ich etwas angefangen, das mir sehr vielversprechend scheint: Mohamed Mbougar Sarr – “Die geheimste Erinnerung der Menschen”. Ein im Senegal aufgewachsener Autor, der in Frankreich studiert und vor einem Jahr den Pris Goncourt abgeräumt hat. Ähnlich angelegt wie der erste Teil von Roberto Bolaños “2666″: in diesem Fall sind´s ein paar Schriftsteller auf der Suche nach einem vergessenen afrikanischen “schwarzen Rimbaud”, deren interne Diskussionen über Literatur sich dann u.a. so anhören: “(…) alle bekamen ihr Fett ab (…), auch die Journalisten und Kritiker, die die Bücher nicht mehr bewerteten, sondern sie nur noch nacherzählten, weil sie die Idee begrüßten, dass alle Bücher gleich gut seien, dass subjektive Geschmacksurteile das einzige Unterscheidungskriterium bildeten und es daher keine schlechten Bücher gebe, nur Bücher, die man nicht möge, und die Schriftsteller, die jeglichen Anspruch an Sprache oder Schöpfungskraft aus ihrer Arbeit verdammt hatten und sich mit einem platten Abklatsch der Wirklichkeit begnügten, der von der omnipotenten und tyrannischen Abstraktion, die sich “der Leser” nennt, keine eingehendere Anstrengung verlangt (…) “. Ganz nach meinem Herzen.

Und selbstverständlich – um auch das nicht zu vergessen – würde ich jederzeit die Letzte Generation verteidigen gegen Bazis, die daraus gerne eine neuen RAF konstruieren würden.

So, jetzt hamwas aber.

(Siehe auch hier: http://culturmag.de/highlights/danny-dziuk/147305?fbclid=IwAR1yDp_3P4qulNkfiCIo0Ag6YIOFcg1Vrrxikxyc01Zd_sEuqlGgVtIAIHw)

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