Krass, Grass.

(Ein modernes Kinderlied in 13 Strophen)

Liebe Kinder:

1) Wir haben da den Iran, dessen politische & religiöse Führung sich vor allem darin einig ist, dass Israel kein Existenzrecht besitzt.

Das ist so, als würde euch jemand sagen, dass es euch eigentlich gar nicht geben darf. Was würdet ihr zu so einem sagen? Etwa: „Entschuldigung, dass es mich gibt?“ – Oder eher: „Zisch ab, du Vollhorst.“ -?

2) Der Präsident des Iran behauptet darüber hinaus, dass es den Holocaust nie gegeben hätte. Der Holocaust war wiederum eine der Hauptursachen für die Gründung des Staates Israel.

Das ist so, liebe Kinder, als hätte ein unheimlicher gemeiner Axtmörder all eure Familien erschlagen, und dann seid ihr in ein Waisenheim gekommen. Daran habt ihr alle mitgebaut, und schließlich ist es euer neues Zuhause geworden. Und die ganze Welt nickte mit dem Kopf & sagte: ja, das ist gut so. Und dann kommt plötzlich einer & behauptet frech: das stimmt ja gar nicht. Niemand hat eure Familien erschlagen, und deshalb muss jetzt auch euer Waisenheim kaputtgehauen werden.

3) Und das ist der Präsident des Iran (Ahmadinedschad sein Name), der sowas sagt und tut. Außerdem sagt er dauernd, dass er Israel gerne von der Landkarte wegradieren würde, wenn er könnte.

Dann, liebe Kinder, hättet ihr natürlich kein Zuhause mehr. Und jeder dahergelaufene Lump auf der Strasse könnte mit euch machen, was er wollte. Und zwar auf der ganzen Welt, egal, wo ihr hingeht.

4) Wenn man den Iran so weitermachen lässt wie bisher, wird er – nach allgemeinen Schätzungen – ziemlich bald ein paar Atombomben fertiggebaut haben. Da gehen die Israelis natürlich zu ihren Freunden & sagen: helft uns bitte, dass der Iran seine Atombomben nicht weiterbauen kann. Und die Freunde sagen: naja, mal sehen, was wir tun können. Aber sie machen nicht viel. Ein bisschen zwar schon, aber nicht so viel, dass der Iran an seinen Atombomben nicht weiterbauen könnte. Und das tut er dann auch, der Iran.

5) Israel ist etwa so groß wie Hessen. Da reicht schon eine Atombombe (der Iran ist etwa 80 Mal so groß). Israel wird jetzt ziemlich nervös & sagt zu seinen Freunden: na schön, wenn ihr uns nicht helft, dürfen wir das dann wenigstens selber tun? Und die Amerikaner & ein paar von den Europäern (das sind nämlich die Freunde von Israel) sagen, naja, mal sehen. Sie sagen ziemlich oft „naja, mal sehen“, weil sie auch ziemlich weit vom Nahen Osten (das ist da, wo das alles passiert) entfernt sind. Und da sagen die Israelis dann manchmal: uns doch egal, was ihr sagt, wir tun es trotzdem, wenn wir müssen. Da tut´s ihnen dann hinterher oft ein bisschen Leid, weil sie ja auch ihre Freunde eigentlich nicht verlieren wollen. Aber was sind das denn auch für Freunde, die weit weg sind & meistens sagen „naja, mal sehen“.

Das ist so, liebe Kinder, wie wenn ihr einen großen Bruder hättet, der weit weg ist & am Telefon dauernd sagt „naja, mal sehen“, obwohl ihr dem dämlichen Trottel bereits mehrmals lang und breit erklärt habt, dass da auf dem Schulhof ein ganz widerlicher Dreckskerl & Lügner ist, der euch an den Kragen will & immer stärker wird. Und der außerdem dauernd sagt, dass es euch gar nicht geben darf. Und dass ihr ausradiert gehört. Was ist das denn für ein begriffsstutziger Idiot von einem großen Bruder?

6) Und dann, liebe Kinder, kommt Günter Grass und gibt euch den ganz tollen Rat: tut einfach gar nichts, das wird schon alles gutgehen. Außerdem sei Ahmadinedschad ja auch gar kein Dreckskerl & Lügner, sondern nur ein Großmaul.
Ihr braucht den nicht ernst
zu nehmen, ich kenn den.
Der ist eigentlich ganz lieb.
Jedenfalls lieber als ihr.
Und wehe, ihr tut dem was.
Dann werd ich aber sauer.
Das sagt er jetzt aber nicht einfach so, sondern in einem Gedicht. In dem Gedicht reimt sich zwar gar nichts noch hat es irgendeine sonstige erkennbare Form, aber Günter Grass hat den Nobelpreis in Literatur. Das gibt dem Ganzen dann noch

ein bisschen mehr Gewicht.
Deshalb auch das Gedicht.

In dem Gedicht sagt er außerdem, dass er euer Freund sei.

7) Israel, liebe Kinder, ist außerdem eine Demokratie & umgeben von Staaten, die keine Demokratien sind oder waren. In Israel werden z.B. keine 17-jährigen Homosexuellen an Baukränen aufgehängt, keine Frauen gesteinigt (weshalb, das sag ich jetzt nicht, dafür seid ihr noch zu klein) & keinen Dieben die Hände abgehackt, selbst wenn sie das nur aus Not getan haben. In vielen Staaten um Israel herum schon. Und viele dieser Staaten sind auch – so wie der Iran – der Meinung, dass Israel eigentlich gar nicht existieren dürfte (obwohl in Israel Frauen sogar den Führerschein machen dürfen).

8) Viele sagen, dass Israel nicht immer freundlich zu solchen Staaten ist. Stimmt auch. Besonders wenn die der Meinung sind, dass es Israel eigentlich gar nicht geben dürfte. Und wenn sie z.B. dauernd kleine Raketen auf Israel abfeuern (Likud heißen die Dinger, das sind quasi die Wadenbeißer unter den Raketen) oder israelische Busse mit möglichst vielen Israelis drin in die Luft sprengen, kann es schon mal passieren, dass die Israelis auch sauer werden & eine größere Rakete zurückfeuern. Wobei sie zumindest versuchen, nur die zu treffen, die auch daran Schuld sind. Während die Gegenseite (Hamas heißen die, das sind die Dumpfbacken unter den Palästinensern) einfach nur möglichst viele Israelis treffen will, egal welche. Dann regen sich ein paar von den Linken oder den Rechten hier immer wahnsinnig auf & sagen, wie kann Israel nur so unmenschlich sein. Und außerdem sagen sie dann, dass sie für den Frieden sind. Was die anderen vorher angestellt haben, dazu sagen sie nichts. Da ist ihnen der Frieden dann egal. Komisch, was?

9) Und deshalb sagen auch ein paar klügere Leute manchmal: wenn die Araber die Waffen niederlegen, ist Frieden im Nahen Osten. Tun die Israelis dasselbe, gibt es Israel nicht mehr.

Das ist zwar jetzt ein bisschen grob, liebe Kinder, aber doch so ungefähr die Lage, in der Israel sich befindet. Ist eben ganz anders als hier, und deshalb verstehen das auch viele nicht. Frankreich zum Beispiel sagt ja auch nicht, dass es Deutschland nicht geben darf. Und sprengt deshalb auch keine Busse oder Cafés in die Luft, um möglichst viele Deutsche zu töten. Die Schweiz, die Niederlande, oder Dänemark schon gar nicht. Und deshalb braucht sich Deutschland gegen die auch nicht zu wehren. Aber im Nahen Osten & mit Israel ist das eben anders.
Und wer diesen eigentlich doch glasklaren Unterschied nicht begreift, der sollte den Israelis vielleicht auch lieber keine klugen Ratschläge geben, oder? Selbst wenn es auch in Israel Vollpfosten gibt, die immer das Falsche tun. Siedlungspolitik zum Beispiel.

10) Trotzdem haben selbst die größten Vollpfosten in Israel niemals einem anderen Land das Existenzrecht abgesprochen. Und erst Recht nicht damit gedroht, es von der Landkarte wegzuradieren (obwohl sie es vielleicht könnten, denn sie besitzen selber Atomwaffen, und das schon seit langem. Aber die Welt weiß auch, dass sie die nur als allerletzte Selbstverteidigung gebrauchen würden, selbst Günter Grass. Und deshalb hat man sie bisher auch in Ruhe gelassen mit weiteren Nachfragen).

Trotzdem haben die Juden (das sind die Israelis) ein Buch, in dem steht: “Wenn dich jemand töten will, so stehe auf, und töte ihn zuerst.“ Ich weiß, das klingt jetzt weißgott nicht besonders christlich (oder sowas), aber das haben sie vor 80 Jahren gegen die Nazis auch nicht getan, und da haben die Nazis dann fast alle von ihnen tatsächlich auch umgebracht (& wie widerlich das war, das erzähl ich euch später, wenn ihr mal größer seid). Jedenfalls voll uncool, das Ganze. Daraus haben die Juden (also die Israelis) dann aber gelernt. Außerdem haben ein paar andere Leute hinterher auch noch zu ihnen gesagt: „Warum habt ihr euch denn nicht gewehrt?“

Das ist so, liebe Kinder, als wenn euch jemand sagt: “Seid ihr etwa auch noch feige, oder was?” – “Auch noch” bedeutet in diesem Fall, dass sie “auch noch” selber daran schuld sein sollen.

11) Und jetzt sagt aber Ahmadinedschad (so wie damals die Nazis, die auch heute noch seine Freunde sind) schon wieder, dass er Israel ausradieren will und baut derweil an seinen Atombomben (ich weiß, das hab ich jetzt schon ein paar mal gesagt, aber für manche Leute kann man das auch nicht oft genug wiederholen). Und da sagen dann ein paar von den Israelis: wenn du weiter daran baust, werden wir deine Bomben zerstören, bevor sie fertig sind (egal, was unsere Freunde sagen). Und dann kommen dieselben Leute, die vorher gesagt haben „Warum habt ihr euch denn damals nicht gewehrt?“ und sagen jetzt auf einmal: „Ihr seid ja voll gegen den Frieden.“ Das sagen sie aber nicht zu Khamenei oder Ahmadinedschad, sondern zu diesen Israelis.

12) Jetzt gibt es aber auch Leute, liebe Kinder, die wirklich Frieden wollen. Die meisten Israelis sowieso (weil es sie einfach auf Dauer so müde macht, immer von allen Seiten hören zu müssen, dass es sie eigentlich gar nicht geben darf), aber auch Araber. Iraner und Syrer und Jordanier und Libanesen undsoweiter. Sogar Palästinenser (die im Gazastreifen sind dann besonders mutig, denn sie riskieren, von ihren eigenen Landsleuten als Verräter in die Knie geschossen oder sogar getötet zu werden, nur weil es ihrer Meinung nach Israel ruhig geben darf. In Israel dagegen darf man so ziemlich alles frei sagen, auch, dass es ein Land für die Palästinenser ruhig geben darf. Das sagen dort sogar ziemlich viele. Und keiner braucht sich deswegen vor irgendwas zu fürchten). Es gibt aber auch Europäer, die verstehen, was am Nahen Osten anders ist als bei Ihnen zuhause. Auf der ganzen Welt gibt´s eigentlich solche Leute. Und manchmal setzen die sich sogar zusammen & versuchen, eine friedliche Lösung für alle zu finden. Voll cool.

13) Und wenn sie von Leuten wie Günter Grass dabei nicht gestört werden, finden sie eines Tages vielleicht sogar eine.

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5 Gedanken zu “Krass, Grass.

  1. Schade!

    Was der Danny hier beschreibt, ist leider nur halbwahr und halb gelogen.
    So einfach, wie er es sich hier selbst macht, indem er sich und andere Unbedarfte auf die (seiner Meinung nach eher unangreifbare?) Kinderposition zurückzieht, ist es eben nicht.

    Was der liebe Danny hier so harmlos wie simplifizierend verauten lässt, entspricht in Vielem den Argumentationsmustern der Besatzer und diverser Antideutscher, mittels derer die hinter jeder Frage und Kritik an einem Kolonialregime, sollte es Israel heissen, sofort die Antisemitismuskeule rausgeholt wird.

    Unabghängig davon, was der Ahmadinedschad nun wirklich gesagt hat, entmündigt hier einer, der sonst so doll für die Untergebutterten singt, viele, viele andere, mögen sie Günther Grass, Mosche Zuckermann, Erich Fried heissen, der israelischen Friedensbewegung angehören und und und, des eigenen Denkens und spricht ihnen ehrliche Absichten ab.

    Und die staatlich geförderte weitere Zerstückelung der Westbank mit hunderten von Wachttürmen und Mauern kreuz und quer nur auf einige Siedler und Vollpfosten zu reduzieren und diese damit für marginal zu erklären und zu verharmlosen,
    ist ebenso widerlich wie das in den Antisemitismustopf-Schmeissen von Linken, die nicht so bereit sind wie man selbst, bestimmte Zionisten und das, was die unter dem Generalargument Selbstverteidigung so alles anrichten, als geradezu alternativlos zu rechtfertigen.

    Bleibt zu erwähnen, dass es schlichtweg gelogen ist, zu behaupten, in Israel dürfe man alles sagen.
    Fakt ist, dass nicht nur die israelischen Araber, sondern auch viele sich für Frieden und Verständigung einsetzende Israelis dort diskriminiert und inkriminiert werden.

    Nein, ich bin kein Grass-Versteher,
    und nein, ich mag die Scharia nicht,
    und nein, ich mag den Ahmadinedschad auch nicht,
    und ja, ich halte jede Form von Religion für Gift und Ablenkung und für ein Instrument von Macht und Unterdrückung.

    Eins weiss ich aber ganz genau:
    Dass es hier keine einfachen Antworten gibt, keine populistischen, keine demagogischen, und keine der Sorte, wie sich der kleine Danny die grosse Welt vorstellt.

    Ich bin jedenfalls ratlos und habe keine wem auch immer passende Antwort parat.

    Jedenfalls will ich weder mit Gebeten noch Revolvern, die nichts tun als antiaufklärerisch zu sein, noch mit heuchlerischen oder sich kriegerisch gebenden Liedermachern etwas zu tun haben.

    Völkerrechts- und Kriegsverbrechen bleiben Völkerrechts- und Kriegsverbrechen, egal wie menschenrechtelnd die sich tarnen.

    Schade um so manche richtig gute Musike und andere Texte!

    • Es ging damals vor allem um dieses Grass-Gedicht, zu dem du leider gar nichts sagst. Und zu Ahmadinedschad fällt dir auch nicht mehr ein als die nassforsche Formulierung “unabhängig davon, was er wirklich gesagt hat”, so als hätte ich ihn falsch zitiert oder interpretiert. Und das hab ich nicht. Und auch zur Hamas sagst du nichts und spulst ansonsten einfach nur die typischen antiisraelischen – wenn nicht antisemitischen – Reflexe & Allgemeinplätze ab, die bei vielen Linken auch in den 60ern schon falsch waren. Nach der simplifizierenden Gleichung: Amerika = Großkapital = Rothschild. Und schon sind die Juden wieder an allem Schuld. Und by the way: Grünther Grass war nie “untergebuttert”, entschuldige mal.
      Ich hab nichts gegen Kritik an der Politik Israels (und es gibt eine Menge Gründe dafür), aber die muss auf einer Grundlage stattfinden, mit der ich übereinstimmen kann. Und eine davon lautet, dass Israel das Recht hat, zu existieren.
      Wenn wir da verschiedener Meinung sind, ist die Diskussion hier zu Ende.
      Falls nicht, können wir gerne weitermachen. Nur solltest du dann ein bisschen argumentativer sein und nicht einfach nur pseudobetroffen und klischeehaft über alles drüberbügeln.

  2. Soweit, so ungut.

    Bisschen genauer hinlesen wär nicht schlecht. Habe den Grass nicht zu den Untergebutterten gezählt, was soll das?

    Und wie ernst soll ich jemanden nehmen, der mir droht, dass eine Diskussion zu Ende sei, wenn ich nicht mit seiner Meinung übereinstimme?

    Wie ich bei Non-Mainstream-Quellen nachlesen konnte, bezieht sich die Äusserung Ahmadinedschads auf den Staat Israel als jüdischen Staat in dieser Form, als politisches Konstrukt und eben nicht auf das Auslöschen eines ganzen Volkes. Das kannst Du auch gerne nochmal in der Jungen Welt u.ä. nachlesen.
    Was genau er zum Holocaust gesagt hat, weiss ich nicht mehr, lasse mir aber diesbezüglich gerne mit recherchierbaren Fakten weiterhelfen.

    Ich halte Ahmadinedschad für einen Unterdrücker und Menschenfeind und
    ich halte Hamas und Hisbollah für aggressiv, kriegerisch und demokratiefeindlich. Reicht das erstmal?

    Ich mag den Grass nicht und über sein Gedicht lässt sich in der Tat trefflich streiten.

    Vielleicht nehmen wir auch mal was anderes her.

    Wie wär´s mit “Höre Israel” von Erich Fried.?

    “…An Stelle des ungerechten
    Hasses der euch verfolgt hat
    sät ihr heute gerechteren Hass
    Ich wollte nicht
    dass ihr im Meer ertrinkt
    aber auch nicht dass andre durch euch
    in der Wüste verdursten

    Als ihr verfolgt wurdet
    war ich einer von euch
    Wie kann ich das bleiben
    wenn ihr Verfolger seid?…

    …Zwar unter denen sind solche
    die haben gerufen:
    „Alle Juden ins Meer!“
    Das sind keine Stimmen der Zukunft
    Aber vergesst nicht
    es sind nicht alle dasselbe
    so wie auch bei euch nicht alle
    dasselbe denken…

    …Ich sage das nicht für die
    die euch immer schon Feinde waren
    und nur neue Vorwände suchen
    für ihren alten Hass
    auch nicht für die unter euch
    die lernten von ihren Hassern
    sich selbst zu hassen
    oder sich hässlich zu finden…”

    Wäre das vielleicht mal ne Diskussionsgrundlage?

    Den Grass, den Ahmadinedschad und alle Heuchler und Meuchler, die mit Menschenrechten und Aufklärung nix am Hut haben, nicht mögen?

    Kein Problem.

    Es kommt aber vor, dass selbst Idioten, Drecksäcke und Verbrecher mal korrekt feststellen, dass Wasser nass ist.

    Umgekehrt mache ich Kinky Friedman auch nicht gleich zum Verbrecher, nur weil er Bush und Clinton zu seinen Freunden zählte bzw. die sich mit ihm schmückten.

    Warum nimmst Du keine Stellung zu meiner Erwähnung der Israelis, die ich als sehr mutig ansehe, weil sie eben für den Frieden und gegen die Keule eintreten, warum nicht zur Besatzer- und Kolonialherrschaft?

    Demokratie auf dem Papier ist geduldig, kann aber von der Wirklichkeit weit entfernt sein, wie in grossen Teilen auch unser Grundgesetz.

    Die Attitüde, selbst in Klischees zu schreiben, dies anderen aber vorzuhalten, kommentiere ich hier nicht weiter.

    Ich empfehle hier nur, Stereotype und Pauschalisierungen zu vermeiden, soweit das angesichts einer so komplexen Problematik im Rahmen eines Blogs überhaupt möglich ist.

    Um zu präzisieren, was ich schrieb:
    Ich masse mir selbst nicht an, Antworten auf die scheinbar unlösbare Situation in Israel/Palästina zu wissen – dazu ist die Situation zu kompliziert und verfahren und allzuoft kaum durchschaubar.

    Nein, ich ignoriere die Drohungen gegen Israel ausdrücklich nicht.

    Aber ich neheme mir das Recht, offensichtliches Unrecht zu benennen, welches jeder sehen kann – wenn er es denn wollte.

    Und wie´s so kommt, komme ich auch an den Zahlen der Vertriebenen und der Toten auf beiden Seiten nun mal nicht vorbei.

    Wieviel Palästinenser wäre denn z.B. ein Israeli wert?

    Makaber? Zynisch?

    Vielleicht.

    Wenn aber ein Liedermacher den ich – wie Kollegen Droste (In seine Feinde soll mann Löcher machen…) übrigens auch – bis hierher sehr geschätzt und genossen habe, Gewalt und Unterdrückung als Mittel der (auch präventiven) Selbstverteidigung als quasi alternativlos darstellt und geradezu gutheisst,

    kann ich gar nicht anders, als zu mir selbst und zu Dir zu sagen: Schade!

    Niemand, der einigermassen “bei Groschen ist” (Gremliza) stellt das Existenzrecht Israels infrage.

    Einige Leute reden aber z.B. von einem Land – nenn´ es Isratina, Paläsrael oder wie auch immer – in dem beide Völker + solche anderer Herkunft gleichberechtigt miteinander leben können.

    Utopisch? Ja und? Das ist m.E. auch nicht utopischer als die so oft schon propagierte und nie erreichte Zwei-Staaten-Lösung.

    Dialog, Debatte, Diskussion – meinzwegen.

    Mir allerdings Pseudobetroffenheit, rechte Motive und Klischees von irgendwelchen Querfrontlern unterzuschieben, halte ich für ziemlich dreist und schafft keine allzuguten Startbedingungen.

    Vielleicht irre ich mich ja hier und da. Dann zeig´s mir.

    Bekanntlich lernt man ja nie aus, nicht erst seit dem Wader-Lied “Unterschriftensammlung”.

  3. Ich stelle fest, dass Argumentieren hier offensichtlich keinen Sinn hat,

    und da für mich nicht nachzuvollziehen ist, warum keine Antwort mehr erfolgte,

    obwohl ich dem Pamphletschreiberling hier und da entgegenzukommen durchaus bereit war,

    nehme ich das Sich-nicht-mehr-Melden als bequeme Flucht einerseits und als Geringschätzung andererseits wahr.

    Deshalb erlaube ich mir einfach mal die Diskussion, welche nie eine war, meinerseits zu beenden.

  4. Na schön, dann eben doch noch ne Antwort (von wegen „bequeme Flucht“):

    Hast Recht: du hast Grass nicht zu den „Untergebutterten“ gezählt, da hab ich ein bisschen zu schnell gelesen. Mein Fehler.

    Aber ansonsten? Du sagst, ich „entmündige“ Grass , Zuckermann, Erich Fried und die Israelische Friedensbewegung. Ein bisschen viel auf einmal. Dividieren wir das mal auseinander:

    1) Grass: es ging in meiner „Kolumne“ hauptsächlich – wie gesagt – um die damaligen offenen (auch atomaren) Drohgebärden des Iran gegen Israel – bei gleichzeitiger Holocaust-Leugnung. Und darum, dass Grass` “Gedicht“ IN GENAU DIESEM ZUSAMMENHANG auch noch nahelegte, dass die Bedrohung „des Weltfriedens“ vor allem von Israel ausgehe. Und dagegen hab ich mich gewendet. Und dieses Gedicht WAR auch unter aller Sau (wenn du nochmal nachlesen magst: und darüber lässt sich nichtmal „trefflich streiten“). Ich „entmündige“ ihn auch nicht, sondern sage nur sehr klar meine Meinung dazu, so wie hier auch. Und das ist mein Recht, so wie es dein Recht ist, auch gegen meine Meinung anzuschreiben (und ich sag ja auch nicht zu dir, dass du mich „entmündigst“). Aber während ich meine Meinung zumindest mit ein paar Argumenten belege, bleibt es bei dir nur bei einem vagen „trefflich streiten“ oder wahlweise: dass du ihn „nicht magst“. Ja, was denn jetzt?
    Entschuldigung, aber das ist schwammig: bezieht sich denn dieses „nicht mögen“ auch auf das Gedicht, oder machst du da eine Ausnahme? Und findest es – vielleicht zumindest zu Teilen – doch ganz gut? Aber dann: in welchen eigentlich?

    2) Auch Erich Fried „entmündige“ ich nicht (was ist das überhaupt für ein herabsetzender Ausdruck für „Widerspruch“?), ich hab ihn ja nichtmal erwähnt, aber sein von dir rezitiertes Gedicht scheint mir ein bisschen schwach und vage, er nennt die Dinge nicht beim Namen, und den Titel „Höre Israel“ finde ich von einem Deutschen geradezu vermessen, und ein paar Zeilen stoßen mir dann auch ziemlich auf (wenn du schon darüber diskutieren willst):
    „Ich wollte nicht / dass ihr im Meer ertrinkt“ (meint er damit den Holocaust? Die Vergangenheitsform deutet das zumindest an. Wenn er die Drohungen der Israel umgebenden Staaten damit meinte, hätte er ja sagen müssen „Ich will nicht…“. Ich denke, er vermischt das ein bisschen, es insinuiert beides & macht es gewissermaßen gleich: die Drohung der Araber, die Juden ins Meer zu jagen und den Holocaust. Und das hinkt schonmal ziemlich). – Gefolgt von „aber auch nicht dass andre durch euch / in der Wüste verdursten“ (womit er den Holocaust – und es ist natürlich ein schöner „poetischer“ Trick, sich da nicht genau festzulegen, siehe oben – zumindest in die Nähe zieht von den Vertreibungen der Palästinenser: was wiederum in keinem Verhältnis steht).
    „Als ihr verfolgt wurdet / war ich einer von euch“ (natürlich nur in symbolischem Sinn, denn er emigrierte ja 38 nach London, und Jude war er – by the way – auch nicht) – „wie kann ich das bleiben / wenn ihr Verfolger seid…“ (hier nun endgültig eine fast unerträgliche Gleichsetzung der Palästinenservertreibungen mit dem Holocaust; und dazu diese blöden „… „ pünktchenpünktchen. Sorry, tut mir Leid). Danach die Zeilen find ich ganz ok, aber mit „das sind keine Stimmen der Zukunft“ hat er sich wohl ein bisschen geirrt (siehe IS zum Beispiel, und überhaupt Antisemitismus: damit muss man leider immer rechnen). Die nächsten 8 Zeilen wieder richtig, und dann kommt „auch nicht die unter euch / die lernten von ihren Hassern“ (Camus hat mal gesagt, dass man sich den Nazis leider bis zu einem gewissen Grad an Brutalität angleichen musste, um sie zu besiegen). Dann kommt „sich selbst zu hassen / oder sich hässlich zu finden“ – nee, darum ging´s doch überhaupt nicht: sondern dass die Juden, den Holocaust noch im Nacken, schlicht um ihre Existenz kämpften. Und dieses „sich hässlich finden“ ist schon wieder nahe dran am „hässlichen Juden“. Es hat diesen ekelhaft-seltsamen Beigeschmack, obwohl man´s natürlich auch freudianisch interpretieren könnte. Aber was soll das? Offen gesagt, ich bin mir über die Motive des Herrn Fried nicht klar. Aber vielleicht wollte er´s ja auch genau so! – Na schön, lassen wir´s dabei. Wie gesagt: zumindest vage oder undeutlich, mal sehr wohlmeinend ausgedrückt.

    3) Zuckermann ist einer der Tel Aviver „kritischen Historiker“. Ich hab nichts dagegen, soll er machen. Es trägt zur Demokratie dort bei. Und im Gegensatz zu fast allen anderen Staaten um Israel herum darf er das dort ja auch.

    4) Auch die israelische Friedensbewegung soll ich „entmündigen“? Nein, ich bin absolut dafür! Und schon gar nicht spreche ich ihnen „ehrliche Absichten ab“. Sie haben meiner Meinung nach zu großen Teilen Recht! (aber sie sprechen aus einer völlig anderen Perspektive heraus als Grass oder Fried: nämlich als unmittelbar Betroffene, und das ist nochmal was ganz anderes, denn ihre eigene Existenz steht dabei auf dem Spiel; und gar nicht mal so sehr der eigenen Regierung gegenüber, sondern vor allem durch eine vielleicht zu gutmütige/friedfertige Auslegung der Absichten der sie umgebenden Staaten bzw. WIRKLICHEN „Regimes“… ich bewundere sie!)

    Ok, weiter: du sagst auf der einen Seite, dass ich die Siedlungspolitik (Westbank) „auf einige Siedler (…)“ reduziere, und diese damit „verharmlose“ oder „marginalisiere“. Ja, stimmt, das tu ich ein bisschen (bei dieser Art von Halbsatire spitzt man eben ein bisschen zu, weil man nicht allzuviel Platz hat). Andererseits aber behauptest du im selben Atemzug, dass ich „bestimmte Zionisten“ als „alternativlos“ rechtfertigen würde. Also bitte: entweder das eine oder das andere, beides zusammen geht nicht, schon rein logisch nicht: kein Mensch kann etwas „marginalisieren“, das er gleichzeitig als „alternativlos“ hinstellt. Da musst du dich schon entscheiden: ja, was denn jetzt? -

    Und überhaupt, wenn ich das schon höre: „bestimmte Zionisten“ (dieses Raunen!), „Besatzer“ (meinst du damit die Siedler oder ganz Israel? Letzteres würde bedeuten, dass du ihnen eben doch das Existenzrecht absprichst), „Kolonialherrschaft“ (Kolonien in Afrika oder wo?)… andererseits bezeichnest du die Hamas immerhin als „aggressiv, kriegerisch und demokratiefeindlich“. Genau. Wobei noch hinzuzufügen wäre: fundamentalistisch, nepotistisch, mörderisch. Was man von Israel so eben nicht sagen kann. Und dann:
    wie würdest du eigentlich mit jemandem reden, der nicht der Meinung ist, dass du überhaupt ein Existenzrecht hast? Hast du darauf ne Antwort?

    Und zu dem ominösen A.-Zitat „Israel must be wiped off the map.“ … das war zunächst die offizielle englischsprachige Verlautbarung des iranischen Staatsrundfunks, der dann von westlichen Nachrichtenagenturen übernommen wurde. Dann kam die Süddeutsche (& die Junge Welt) in der Hitze der Debatte damit um die Ecke, dass die wörtliche Übersetzung ja eigentlich lautete: „Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte verschwinden.“ Und wenn man „Israel“ durch „Besatzerregime“ ersetze, dann habe A. ja gar nicht Israel selber gemeint, sondern eben nur das „Regime“. Was wiederum eine komplette Verniedlichung der Absichten A`s. ist, weil für ihn „Besatzerregime“ und „Israel“ ein und dasselbe sind. Zitate wie dieses hier zum Beispiel belegen das: „Jeder, der Israel anerkennt, wird im Zornesfeuer der islamischen Nation verbrennen.“ (Rede auf der Konferenz „Welt ohne Zionismus, zitiert nach welt.de, 24.10.2005). Es lassen sich zahlreiche weitere Zitate in der Art finden, und ich glaube nicht, dass ich das hier weiter ausführten muss, sondern denke, jedem vernünftigen Menschen sollte klar sein, dass A. Israel einfach weghaben will, egal wie, das hat er oft genug und in den verschiedensten Facetten belegt. Da lenken allzu spitzfindige Wortklaubereien auch eher vom Wesentlichen ab (aber vielleicht wollen sie ja das auch gerade). Andererseits sagst du sowieso, dass A. ein „Heuchler und Meuchler“ ist… aber weshalb musste ich mir dann den Mund hier fusselig reden, um ANDERERSEITS deinen Einwand (des ungenauen Zitats) zu entkräften?

    Deine Ausführungen scheinen mir etwas wirr und eigentlich auf nichts ausgerichtet als „auch ich maße mir nicht an, zu wissen…“ – NATÜRLICH weiß das niemand, aber ein paar Konturen kann man SCHON erkennen, würde ich dagegen behaupten. Und DARÜBER sollte man reden, um wenigstens ein bisschen Klarheit in diesen Schlamassel zu kriegen.
    Und sollte es Israel morgen nicht mehr geben, würde mir das SCHON was ausmachen. Und du? Würdest du mit einem Achselzucken darüber weggehen und denken: „Ha´m sie halt nicht anders verdient?“ – Ich hoffe, nicht. – Jemand sagte mal (sinngemäß, und außerdem fällt mir der Name gerade nicht ein): „Gnade Gott den Juden weltweit, sollte es Israel eines Tages nicht mehr geben“. Und ich denke, das stimmt, denn dieses kleine Land ist seit 2000 Jahren zum ersten Mal wieder so etwas wie ein weltweites Sprachrohr für die Belange einer – sagen wir – Ethnie, deren hervorstechendstes Merkmal es seit genauso langer Zeit war, als Sündenbock für alles Mögliche herhalten zu müssen bzw. herumgescheucht und verfolgt zu werden, egal unter welchen anderen Völkern der Erde. Und wo immer sie eine Chance zur Integration bekamen, trugen sie etwas BEI zu der jeweiligen Kultur, und ich fühle mich hingezogen zu der Mentalität mancher Rabbis und der Einsteins und der Mendelsohns und der Spinozas und der Leibowitz´ und der Kafkas und Benjamins, und ich möchte nicht, dass solche Leute wieder schutzlos irgendwelchen bescheuerten Nationalismen ausgeliefert sind, und auch dafür ist Israel wichtig. Als Sprachrohr. Ist das so schwer zu begreifen?

    Und ein lohnenderes Thema wäre für mich z.B. die Frage: wo hört berechtigte „Israelkritik“ (allein schon das Wort: gibt´s vielleicht eine „Iran-“ oder „Saudi-Arabien-Kritik?) auf, und wo fängt Antisemitismus an? (Und ich kann nicht akzeptieren, bereits das Wort „Antisemitismus“ als „Keule“ zu verstehen: denn sonst müsste man den Begriff annullieren, der ja etwas bezeichnet, was es tatsächlich gibt. Oder würdest du auch das bestreiten?)

    Du zitierst Gremlitza: DAGEGEN bin ich nun wirklich ein Waisenknabe! Ich meine, wenn du bereits mich der „Antisemitismuskeule“ bezichtigst, um Israels Politik z.B. als „alternativlos“ hinzustellen, wie müsstest du da erst zu Gremlitza sagen? Und ausgerechnet den zitierst du? Wie gesagt: ein bisschen wirr, wie ich finde.

    Du vergleichst die Zahl der Vertriebenen und Toten: die Gründung des Staates Israel jedoch basiert bereits auf 6 Millionen Toten und einer Anzahl von Vertriebenen, die sich mit der der vertriebenen Palästinenser überhaupt nicht vergleichen lässt. Und wir – als Urenkel derer, die ihnen das angetan haben – wollen DENEN jetzt vorrechnen, dass sie 400.000 Palästinenser vertrieben haben (und was daran Vertreibungen waren und was nicht: ich denke, DARÜBER liesse sich „trefflich streiten“), um ihren aus den deutschen Lagern Entkommenen, die niemand sonst haben wollte, eine Art verzweifelten Zufluchtsort zu geben? Und als z.B. Einundneunzig 500.000 Palästinenser aus Kuwait vertrieben wurden (weil der nepotistische Arafat sich auf die Seite Husseins stellte), krähte bei der sonst so sensiblen Linken für die Befindlichkeiten der Palästinenser hier kein Hahn danach. Die werden immer erst dann sensibel, wenn Israel damit verbunden ist. – Und wenn das NICHT Antisemitismus ist, was ist diese Unverhältnismäßigkeit in der Wahrnehmung DANN? Das sind so Fragen, die sich mir stellen.

    Na schön, ich hör hier mal auf, obwohl bei weitem nicht alles geklärt ist, und ich kann nicht auf jede deiner manchmal etwas seltsamen Andeutungen eingehen („einer, der sonst so doll für die Untergebutterten singt“, „wie sich der kleine Danny die große Welt vorstellt“ & überhaupt dein ganzer eher mäandernder und unpräziser Diskussionsstil, dessen Ton ich aus früheren WG-Erfahrungen nur allzu gut kenne, sorry). Aber ich denke, auf die zentralen Fragen hiermit eingegangen zu sein.

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