Alex Pretti

Kurz ein paar Gedanken zu Alex Pretti: Fast jeder labile Irre kann Mitglied von ICE werden, und die lässt Trump dann – nach einem viel zu kurzen Crashkurs, mit voller Rückendeckung und ungefähr so zurechnungsfähig wie ein freilaufendes Rudel nervöser Pitbulls – auf den intelligenteren Teil der Bevölkerung los.

Und dann bringen sie einen herzensguten und völlig ungefährlichen Krankenpfleger um bei seinem selbstlosen Versuch, eine Frau vor ihnen zu schützen, und Trump, durch die Videos in Erklärungsnotstand gebracht, versucht sich zu retten mit “Don´t believe what you see with your eyes.” (*) Geht’s noch blöder? Wirklich “ein helles Kerlchen” (James Lee Burke), aber vermutlich wird sich trotz allen Zurückruderns momentan daran vorerst nicht sehr viel ändern. Fürchte ich, und hoffe was anderes.

Sowas hätte übrigens nach eigenem Bekunden die AFD hier gerne auch. Und keine Ahnung, ob beispielsweise die über 50 Prozent von Juli Zehs überaus netten Nachbarn sich darüber im Klaren sind oder nicht: Wichtig ist nur, zu verhindern, dass sie ihr Ziel erreichen. Und viel mehr interessiert mich daran auch erstmal nicht.

(*) Überhaupt einer der Wesenszüge von Faschismus besteht ja nach Hannah Arendt darin, dass man so mürbe gemacht werden soll, nicht nur seinen eigenen Augen nicht mehr zu trauen, sondern auch allem anderen. Und schließlich auch ganz und gar sich selber, mit sämtlichen Gefühlen und Gedanken. Bzw.”flood the zone with shit” (die neueste Variante davon), bis keiner mehr weiß, was richtig und falsch, oben und unten oder überhaupt noch irgendwas ist. Vielleicht nichtmal mehr der eigene Name, und danach kommen dann nur noch die Nummern. Aber da ist es dann bereits ganz dunkel (und soweit sind wir ja zum Glück hier noch lange nicht).

“Sind Antisemitisten anwesend?”

Vor kurzem ist eine gleichnamige Sammlung verschiedenartigster Beiträge gegen Judenhass im Satyr Verlag erschienen, die auch zwei Songtexte von mir enthält (einer davon mit Wiglaf Droste). Eine wirklich gute Idee zur Zeit, wie ich finde … und wie schön auch, dass sich so viele hochkarätige Leute daran beteiligt haben. Toll.
Einer meiner Lieblingsbeiträge darin handelt von Judith Butler & deren jungen postkolonialistischen Epigonen, mit denen der Autor Markus Liske offensichtlich ein paar Tage in Frankreich verbracht bzw. ein paar Hühnchen zu rupfen hat. Er bezeichnet seinen Beitrag als “gescheiterte Satire”, was aber m.E. nicht so ganz stimmt: “Außerdem gemahnten ihre ultrakurzen Ponyfrisuren auf verstörende Weise an mittelalterliche Exorzisten und jeden zweiten Satz schlossen sie mit einem leicht nachgeschobenen “genau” ab, was mich wieder daran erinnerte, dass ich schon vor längerer Zeit mal einen Essay zur Ehrenrettung des “äh” schreiben wollte.” In dem Ton ist der ganze Text gehalten, der diese Leichtigkeit trotz seines ernsthaften (äh) Contents an keiner Stelle verliert, und ich hatte damit durchaus meinen Spaß. Nö, nicht gescheitert.
Und Heiko Werning, neben Michael Bittner und Lea Streisand Mitherausgeber, fasst das Anliegen dieser Anthologie hier nochmal schön knapp und präzise (so) zusammen:

“Nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober flammten weltweit nicht etwa machtvolle Proteste gegen die irren Islamfaschisten auf, sondern eher gegen die Opfer. Auch die Kulturszene befremdete häufig mit Schweigen sowie mehr oder weniger antisemitisch grundierten Free-Palestine-Parolen und pseudo-postkolonialistischem Geplapper.
Umso erfreuter war ich, dass zumindest auf unseren kleinen Lesebühnen noch einige Stimmen der Vernunft zu hören waren, lustige und elegant formulierte noch dazu. Das brachte mich auf die Idee, diese Texte in einem Buch zu versammeln und weitere stabile Charaktere zu bitten, Material beizusteuern. Freund und Kollege Volker Surmann – Autor mit seinem Satyr Verlag war gleich dabei, mit Michael Bittner fand ich einen Compañero, der das intellektuelle Rückgrat einbrachte, und so beschlossen wir, gemeinsam das Abenteuer Anti-Antisemitismus-Anthologie zu wagen. Lea Streisand war mir schon zuvor mit schönen Texten aus ihrer eigenen jüdischen Perspektive aufgefallen, umso erfreuter war ich, dass sie auf unser Angebot einstieg, als Herausgeberin mitzumachen.
Dann fragten wir von uns geschätzte Autorinnen und Autoren und waren ganz gerührt und begeistert von der Resonanz. Schließlich liegt jetzt also dieser Wackerstein gegen den grassierenden Judenhass vor, im doppelten Umfang dessen, was wir zunächst geplant hatten: lustig und angriffslustig, nachdenklich und polemisch, vielstimmig und doch ein großes Bild ergebend, nach rechts ebenso austeilend wie nach links und in die Mitte, gegen Biodeutsche wie Migranten, kurz: gegen all die furchtbaren Voll-, Halb- und Irgendwie-so-ein-bisschen-Judenhasser überall, die natürlich alle eines garantiert nie sind: Antisemiten. Oder sind etwa Antisemitisten anwesend?”

Jetzt überall im Buchhandel: Hardcover, 384 S. (inkl. 20 farbiger Cartoon-Seiten), ISBN: 978-3-910775-18-3, 26 €.
Gerne direkt beim tapferen Verlag bestellen: https://www.shoptyr.de/Streisand-Bittner-Werning-Sind…

Unterm Radar, die zweite

Zur Einstimmung für die kommenden Nachholkonzerte zum letzten Album vielleicht hier vielleicht nochmal ein Beitrag von Krazy, den sie vor etwa einem Jahr auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte. Hab’s bisher nirgendwo zitiert oder verlinkt – und bin ganz schön froh, so jemanden mit dabei zu haben:

“Das neue Album von Danny Dziuk / Dziuks Küche trägt den exzellenten Titel UNTERM RADAR und klingt wie alle seine Produktionen: Integer. Glänzend in jeder handwerklichen Hinsicht, geliefert von einem, der jeden Weg mehrmals abläuft, um zur genau richtigen Form zu finden – sophisticated, aber mit Dreck an den Stiefeln. Jedes Register ist sorgfältig gewählt, gekonnt bedient und genau dosiert – von hypnotisch- schlicht bis durchkomponiert in mehreren Akten – stabile Harmonien, zwielichtige Atmosphären, elegische Bittersüße und unbeirrbare Coolness auf 3 Akkorden erzählen begeistert mit, was der Sänger zu sagen hat.
Durch den spricht eingangs erst mal Rio Reiser, der drüben auf dem Olymp diese Version seines Titels “Menschenfresser” feiern dürfte. Dann übernimmt Songschreiber Dziuk, als Texter herausragend vor allem darin, gesellschaftliche Fragen singbar zu verdichten: scharfsichtige Analyse unserer verwahrlosten Debattenkultur (“Alle reden durcheinander”), klare Ansagen gegen Politisierung auf Gefühlsbasis (“falscher Feind #3″), kritische Hinterfragung reflexhafter “Israel-Kritik” (“Israel”) – das alles, beweist unser Mann, ist in Songform möglich, ohne dabei an stilistischer Würde oder inhaltlicher Differenziertheit einzubüßen. Dabei steckt noch in jedem dieser Texte mehr Erkenntnisgewinn als in öffentlichen Debatten, die solche Gedankentiefe nie erreichen.
Unterm Radar des Messbaren und öffentlich Zelebrierten verortet sind auch weitere Themen des Albums: Freunde, Befremden, Szenen eines unverhofft geglückten Weiterlebens in Anwesenheit des Todes – letzte Grüße an und von Wiglaf Droste: Eine Erinnerung an gemeinsame Stunden und die Vertonung eines späten Droste-Gedichtes. Der Titelsong schließlich benennt entwaffnend klar den Elefanten, der sich immer in den Raum schleicht, wenn es um Danny Dziuk geht: “ja, ich weiß, ich sollt/ viel bekannter sein/ als ich nun mal bin/ seh ich ja auch ein” – und gern die Frage aufwirft, ob eine gewisse Erfolgshöhe und eine spezifische Qualität der Substanz sich bedingen bzw. ausschließen, und ob das dann nicht eher ein Problem der großen Öffentlichkeit ist, die eben nicht hinschaut und zuhört, wo es interessant wird… Dass dieser Songster und seine pointierte Nachdenklichkeit dort stattfinden, spricht jedenfalls unbedingt dafür, sich in diesen Gefilden unterm Radar mal genauer umzusehen.”