Musikerleben, ab & zu.

29.11.07

Gestern abend letzter Duo-Gig mit Thomas in Zwickau („Allein & Beisammen“ – gleichnamiges Stück von ca. 92´ übrigens anbei, plus „Harte Zeiten“ von ca. 98/84´), dann heute morgen nochmal kurz ein Abstecher nach Chemnitz, wo Bob Dylan seine erste weltweite Ausstellung als Maler hat, soweit ich weiss. Na schön, Chemnitz.
Was wollte ich sagen? – Naja, also ne ziemliche Fahrerei, ein paar zauberhafte Momente, Besucherzahlen nicht gerade berauschend, aber draufgezahlt hat auch niemand gross. Und „jederzeit gerne wieder“. Es fällt mir auch nicht schwer, ziemlich nett zu sein. Ab & zu höre ich dann ne Frage wie: „Kann man davon eigentlich leben?“ (Übrigens proportional abhängig von der Zuschauerzahl: von 20 bis 40 fällt sie so gut wie immer, von 40 bis 80 manchmal, darüber so gut wie nie) – wonach ich mich fast immer beeile zu erklären, daß ich ja eigentlich z.B. von Filmmusik lebe, und dann lass ich noch wie zufällig ein paar Namen fallen, eigentlich ne Scheiss-Tour, aber danach ist regelmässig wenigstens Ruhe im Karton. Manchmal schau ich den Kandidaten auch einfach an & sag betont beiläufig: „Na, sicher.“ Was natürlich dann nicht so nett ist, aber die Frage ist es ja im Grunde auch nicht. Dieses Spielchen wiederholt sich alle paar Abende, und dann gibt´s möglicherweise noch ein Hotelzimmer mit Blick auf die lausigste Spielothek im deprimiernendsten Viertel, das die jeweilige Stadt zu bieten hat (& ganz sicher dann auch mit Rauchverbot, was man allerdings bedenkenlos irgnorieren kann, da im ganzen Hotel eh sonst niemand ist), & wenn man dann noch vergessen hat, sich wenigstens was Nettes zu trinken mitzunehmen, dann kann´s schon mal vorkommen, dass man sein Spiegelbild in dem extrem nach billigen Desinfektionsmitteln stinkenden & an anonymer Hässlichkeit kaum zu überbietendem Duschklo fragt: “Ja, was machst Du hier eigentlich?“ -

Was selbstverständlich noch lange nicht die unterste Sohle ist: Vor ein paar Jahren zum Beispiel spielten wir (in diesem Fall: die alte Band) für 2 Tage in einem Darmstädter Etablissement, wo wir zunächst – völlig auf uns selbst gestellt – eine ganze PA aufbauten & soundcheckten. Schliesslich liess sich ein langlockiger bzw. belederhoster Jim Morrison-Verschnitt dazu herab, uns unsere Schlafgelegenheit zu zeigen. Wir kletterten mit unserem Gepäck ein paar seltsame Treppen rauf & landeten schliesslich in einem etwa 3×3 qm grossen Zimmer mit nichts als 4 Pritschen drin. Es war ausserdem Winter, ziemlich kalt, & an der Wand hing ein Blechautomat, in den man Münzen werfen konnte: 5 Mark für je 12 Stunden Beheizung. Dann führte er uns über einen Flur, um uns die dazugehörige Dusche zu zeigen. Wir kriegten mit, daß die Etage eine Art städtisch subventioniertes Übergangswohnheim für Asylanten war; und im Gegensatz zu Lederhosen-Jim waren die ziemlich nett. Dann kamen wir ins Bad: von 2 oder 3 Restösen herab hing ein verranzter Duschvorhang, die Kacheln & das Becken waren von einer – auch farblich changierenden – unregelmässigen Schicht fettähnlicher Konsistenz überzogen, & auch der Rest liess eindeutig befürchten, sich bereits durch den blossen Anblick mit irgendeiner scheusslich juckenden Krankheit zu infizieren. Das ganze dann vorgestellt mit den Worten: “Und bitte die Dusche so verlassen, wie ihr sie vorgefunden habt.“ Ich starrte auf die schiefe Duschstange & entdeckte eine halbverhungerte Spinne bei der Halterung.

Andererseits – nur gerechtigkeitshalber – gibt´s natürlich auch sehr nette Veranstalter, gute Hotels & überhaupt Herzenswärme allenthalben. Bis hin zu Dollarmilliardären, die einen z.B. auf die Bahamas einladen. Treppe rauf, Treppe runter, und alles dazwischen.

05.12.

Gestern traf ich zufällig seit langem mal wieder Hans Wallbaum, mit dem zusammen ich nicht zuletzt ein paar Jahre in Diensten von Stoppok verbrachte. Er ist ein Urgestein von einem Schlagzeuger, hat seinen eigenen Stil & Geschmack, & seine Physiognomie erinnert mich immer – wenn auch sehr entfernt – an die von Joseph Conrad, und nicht zuletzt umgibt auch ihn irgendwie das Flair eines gentlemanhaften Ex-Kapitäns. Was aber vielleicht auch gar nicht so weit hergeholt ist, denn die Rolle eines geschmacksintegren Musikers auf so lange Zeit durchzuhalten ähnelt in der Tat dem Risiko zumindest eines Matrosens beim Befahren der 7 Weltmeere. In seinem Fall unter der Flagge des Rock´n Roll (da war ich mal Smutje), wobei Desertation nur um den Preis des Gesichtsverlustes zu haben ist. Zwei der Ausdrücke, durch die ich sofort sein Bild vor Augen hab, lauten „nicht ehrenrührig“ bzw. „verschworener Haufen“. Aber egal jetzt, wir haben andere Zeiten. Und ich trauere einigen früheren eigentlich auch nicht sonderlich hinterher.

Na gut, wir trinken also einen Kaffee am Hermannplatz (da trifft man komischerweise immer Leute zufällig seit langem mal wieder) & er spielt zur Zeit auch mit dem britischen Sänger X, der wiederum mit einem meiner Helden – nämlich Van Morrison – gemeinsame Auftritte hatte. Ich frag ihn natürlich nach entsprechendem Seemannsgarn, & er erzählt z.B. folgendes: Also die Band spielt, & Van-The-Man steht völlig regungslos da auf der Bühne in seiner typischen bewegungslosen Pose (so als warte er auf Inspiration, oder was immer das auch bedeutet), & es dauert & dauert, & schliesslich hält X es nicht länger aus, geht ans Mikrophon & singt den Song selber. Van lässt sich zunächst nichts anmerken, aber nach dem Gig klopft´s an X-ens Garderobe, & herein kommt – wer auch sonst – Van. Woraufhin folgender Dialog stattfindet: (Van) „Du weisst, wer van Morrison ist?“ – (X) „Ja.“ – (Van) „ Und Du weisst auch, dass Van Morrisson diesen Song hätte singen sollen, den Du Dir einfach herausgenommen hast, ihm wegzunehmen?“ – (X).: Ja, Sir.“ – (Van, nach einer langen Pause) „Also mach das nie wieder.“ – Herrlich, wenn auf die alten Haudegen noch immer Verlass ist.

13.12.

Momentan in einem bayrischen Dorf im Haus eines befreundeten Musikers. Gestern mittag kam ich runter in die Küche & sah draussen die ersten Schneefelder dieses Jahres. Ich war allein & es roch nach Holzfeuer. Auf dem Küchentisch liegt „Die Zeit“, & das Foto von Ahmadinedschad auf der Titelseite erinnert mich vage an Jürgen Prochnow. Ich beschliesse, zunächst nichts davon zu lesen & mach mir erstmal einen Kaffee. Ein paar Stunden später hab ich immer noch nichts davon gelesen.

Wir nehmen hier gerade – zwischen 2 Gigs – ein paar Songs auf: kein technischer Schnickschnack, einfach in der Runde sitzen & spielen, ein paar Mikros, 2 Amps & ein Laptop & das war´s. Nichtmal Kopfhörer. So lautete der Plan: das Wesentliche zuerst. Und vor allem mit einem Gefühl dafür, in welchem natürlichen Raum das alles überfhaupt stattfindet. Wolf wird´s dann zunächst in sein eigenes Studio mitnehmen & Schlagzeug drauf spielen (darin ist er eh Weltmeister), später krieg ich´s dann wieder & wir werden sehen. Jedenfalls klingt´s sehr vielversprechend. Ein Song zum Beispiel, den ich mit der Küche schon des öfteren vergeblich probiert hatte (danach ist so ein Song dann quasi traumatisiert, oder vielleicht auch wirklich Scheisse), klang plötzlich auf Anhieb genau richtig. Bestätigt mich vor allem in meiner schon seit einiger Zeit gehegten Annahme: Entweder ist etwas direkt gut, oder vergiss es.
Was in Berlin mit der Küche nicht ganz so der Fall war, denn dort unten in einem kleinen Kellerstudio sassen wir zwar auch in einer engen Runde, aber es gab z.B. Kopfhörer & mein Gesang zählte nicht, da es zuviele „Übersprechungen“ gab (d.h. was vom Schlagzeug mit auf´s Gesangsmikro kam, war zu laut, um damit hinterher arbeiten zu können). Aber auch hier kriegte ich eigentlich, was ich wollte: grösstmögliche Direktheit & räumlichen Kontakt der Musiker wie auf einer BÜhne oder in einem Wohnzimmer. Also quasi entweder direkte Magie oder eben Maggie. Um die 20 Songs sind jedenfalls auf diese Weise jetzt aufgenommen & harren quasi weiterer Arbeit. -

16.12.

So, wieder in Berlin bzw. erstmal wieder ein bißchen mehr Geld verdienen (s.o.), wird mir aber auch nicht sonderlich schwerfallen, & im Februar/März werd ich das ganze Sammelsurium dann mischen & überhaupt erstmal sortieren: Küche & Südbalkon & welche Anteile. Oder vielleicht auch 2 Platten. Dazu gib´s auch noch einige Songs, die ich alleine einzuspielen vorhabe. Weshalb auch erstmal die Live-Auftritte ein bißchen flachfallen werden. Hab halt keinen Stab von majorlabelfinanzierten Dienstboten um mich herum & das dauert dann halt mal. Was soll´s, es gibt Schlimmeres (zum Beispiel majorlabelfinazierte Dienstboten). Herauskommen soll´s jedenfalls etwa Sept. 08, und bis dahin kann eh noch eine Menge passieren. -

Notizen…

Ein paar Notizen: die neue Ausgrabung heisst „Verliebt & Blind“, Text stammt von Bernie Conrads (mit ein paar kleinen Erweiterungen meinerseits), demomässig aufgenommen schätzungsweise 99, bisher nirgendwo erschienen. Gefällt mir momentan so gut, daß ich´s beinah für die nächste CD in Betracht ziehe. Soll ich (ich meine, das mal richtig aufnehmen)? Und wo wir gerade dabei sind: auf Bernies demnächst etwa Ende September erscheinender CD („Irgendwo dahinten“ betitelt) hab auch ich ein paar keyboards gschpuilt (bayrisch).

Das beste Chanson, das ich seit langem in deutscher Sprache gehört hab, stammt von Sebastian Krämer & heisst „Kein Liebeslied für dich“ (zu finden auf seinem Album „Schule der Leidenschaft“). Sowas ist mir bisher noch nicht untergekommen, da hatte jemand ne Sternstunde (oder auch ne Menge Arbeit), da stimmt alles, & da können sich z.B. unsere superintelligenten Diskurspopvertreter mal derartig eine Scheibe von abschneiden, daß es wehtut: ich versteh nicht, wieso der dafür nicht mit Preisen u.ä. überhäuft wurde. Aber so undankbar & seltsam ist eben vermouthlich (Prost!) die äh… Welt.

Dann noch was: Vor etwa 10 Jahren fand in der damals von Stoppok gemieteten & zum Studio umgebauten Zeche Bonifatius in Essen eine 10-tägige Begegnung der ziemlich anderen Art statt. 6 Musiker/innen trafen sich aus reiner Begeisterung (u.a. füreinander) zu einem kleinen
Experiment: was würde passieren, wenn´s keinen Chef, keine Songs & auch sonst keine Vorgaben gäbe? Was würde dabei für eine Musik herauskommen? Ausser der Regel, daß Keyboards jeglicher Art verboten waren, konnte jeder machen (oder vorschlagen), was er/sie wollte. Überall standen Gitarren, Verstärker, Trommeln & Mikros herum, wir hatten einen Koch & brauchten uns auch sonst um nichts zu kümmern als ab & zu mal auf den roten Knopf der 24-Spur-Bandmaschine zu drücken. Man konnte ansonsten in den herrlichen Hallen dieser alten Zeche herumhängen, Tischtennis spielen, dummes Zeugs erzählen oder auch sich in eine Ecke verziehen & Texte für Jamsessions schreiben, die man bereits aufgenommen hatte (oder irgendwie noch vorhatte auszuprobieren). Oder auch das ein oder andere Getränk zu sich nehmen, falls mal irgendwas hakte. Es entstand ziemlich schnell eine sehr freie, warmherzige & eigenartig inspirierte Athmosphäre, in der jeder der Beteiligten ganz wie von selbst zu absoluter Hochform aufzulaufen schien. Wunderbare 10 Tage waren das. Übrig blieben schliesslich 10
oder 11 Songs, die tatsächlich teilweise geradezu glücklichmachende Momente oder Passagen dieses schönen Kollektiv-Geistes hörbar machten, welcher daselbst in jenen 10 Tagen in diesen alten Gemäuern irgendwie unaufhörlich herumschwebte. Wir nannten das „Projekt“ im Nachhinein dann „Jumpin Jesus“, was übersetzt wahrscheinlich so etwas ähnliches heissen will wie „Himmel, Arsch & Wolkenbruch“.

Wie auch immer, jedenfalls wurde diese Musik – aus diversen (& mir teilweise auch schleierhaften – s.o.) Gründen – bisher nie irgendwo veröffentlicht. Was (Achtung: Tusch!!!) sich jetzt wiederum geändert hat: Es gibt die ersten 4 Songs davon nämlich jetzt zum freien Downloaden (oder auch nur Hören) unter www.myspace.com/jumpinjesusband. Weitere werden in Abständen folgen (und zwar so lange, bis das Schatzkästchen leer ist & keiner von uns auch nur einen Cent daran verdient äh… gut, was!?).

Neue Leute…

Wie teilweise vielleicht schon bemerkt, ist die rythm-section der Küche mittlerweile neu besetzt: Max Schwarzlose (dr) kommt sowieso aus meinem Lieblingsumfeld von Berliner Musikern & spielte u.a. ne zeitlang mit Chris Whitley (Iss was?). Thomas Baumgarte (b) hatte ich auch schon länger auf meinem Zettel (wusste er aber nicht) & durch eine Art glücklichen Zufall sagte jemand genau im richtigen Augenblick das Richtige (und zwar ziemlich exakt 2 Wochen vor der letzten Tour, tja… puhhh). Und den ersten wirklichen Test haben wir auf dem OBS #11 in Beverungen auch ziemlich gut bestanden, würde ich jetzt mal so sagen. Ausserdem würde ich darüberhinaus sogar jetzt mal so sagen, daß das ganze irgendwie kreuzverflixt kompakter geworden ist. Ja, ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, daß genau dieses Wort möglicherweise die treffendste Bezeichnung für den jetzt doch schon ziemlich veränderten Sound der Band ist. Schön, das. (Kulle zog´s eh in letzter Zeit mehr in Richtung Theatermusik & Schauspielerei, & vielleicht geht er demnächst für längere Zeit nach Ingolstadt; während die Sache mit Moe ein bißchen komplizierter ist, wenn nicht sogar Glatteis, & deshalb: Klappe halten. Immerhin scheint Hans noch halbwegs bei Laune, was ja durchaus auch keine Lappalie ist nach über 10 Jahren Geheimtippdasein). Hier & da jedenfalls erwisch ich mich jedenfalls dabei, geradezu diebisch froh zu sein ob der neuen Konstellation. Und wir haben gerade erst angefangen… (bzw. hier nicht zu vergessen: einen schönen Gruss an den ebenfalls sonnigen Südbalkon: Köpf & Georg Spindler sind vermutlich momentan in Südfrankreich (Neid!!!), & was der Herr Wolff wohl gerade macht? Jedenfalls: We´ll all have a drink later… also quasi „wir alle werden haben eine Tasse Tee die Tage“).
Ansonsten hab ich gerade ziemliche Zahnschmerzen, aber die nächtlichen Gewitter zur Zeit haben – wie zum Ausgleich – was absolut Herrliches.

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